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EMKNI - 04.04.2001   Zurück zur Übersicht

Makedonien: Boris Trajkovski nach dem Krieg und vor dem Dialog

Boris TrajkovskiLangsam nur taut er auf. Boris Trajkovski ist ein zurückhaltender Mann. Der 1956 in Strumica, einem Ort im Süden des Landes, geborene Präsident Makedoniens gibt sich bescheiden. Doch er weiß sehr genau, dass er zur Schlüsselfigur in einem Drama geworden ist. "Ich will der Präsident aller Bürger Makedoniens sein", sagt er. Und er ist davon überzeugt, dass er Makedonier, Albaner, Roma, Griechen und Serben, Bulgaren und Vlachen gleichermaßen repräsentiert. Zum Beweis führt er an: "Ich bin Methodist, also Repräsentant einer Minderheit von 0,1 Prozent. Und ich bin als Präsident gewählt worden."
Von Trajkovski, dem Präsidenten, hängt es letztendlich ab, ob der Konflikt zwischen Albanern und der Mehrheitsgesellschaft der slawischen Makedonier friedlich gelöst werden kann. Doch ist nicht mehr sicher, ob er nach den Ereignissen der letzten Wochen noch immer über Reputation bei allen Volksgruppen verfügt. Vorher war dies zweifellos der Fall. Im November 1999 direkt ins Amt gewählt, konnte er sich damals auch auf die albanischen Stimmen stützen. Bei den Parlamentswahlen 1998 schon hatte seine Partei, die VMRO-DPMN, die Sozialisten aus der Regierung verdrängt und überraschend mit den scheinbar schärfsten Widersachern, der Albanerpartei (DPA) von Arben Xhaferi, eine Koalition geschlossen...
Trajkovski trat 1992 in die Partei ein, als sie noch in der Krise war. Doch der Wandel gelang: Als die Sozialisten mit nationalistischen Tönen 1998 die Wahlen gewinnen wollten, gab sich die VMRO moderat und europäisch. Und gewann mit diesem Programm. Die Hoffnungen der Albaner jedoch, in dieser Koalition endlich ihren Status als "Minderheit" abzulegen und als Nation gleichberechtigt anerkannt zu werden, wurden enttäuscht. Mit dem Auftauchen der UÇK wurde die Frage der Verfassungsänderung erneut aufgeworfen.
Mit dem "Sieg" der makedonischen Sicherheitskräfte über die UÇK sind die Probleme nicht vom Tisch. Gerade jetzt, wo als Zeichen der Entspannung sogar die Grenze zum Kosovo wieder offen ist, müsste der Dialog mit den Albanern ernsthaft geführt werden. "In unserem Lande wird niemand diskriminiert", erklärt Trajkovski. Alle Mitglieder von Minderheiten hätten als Staatsbürger gleiche Rechte und Pflichten. Was die Frage der Gruppenrechte beträfe, "haben wir seit zehn Jahren einen Dialog geführt", sagt er. "Und wir werden dies auch in Zukunft tun. Wir dürfen aber keine Lösung diskutieren, die die Integrität des Landes und seine langfristige Stabilität in Frage stellt." Die interethnischen Beziehungen seien vorbildlich gelöst worden, dies habe auch die Welt anerkannt und Makedonien immer wieder in diesem Zusammenhang positiv erwähnt. "Das Problem jetzt ist, dass dieser Dialog über die Weiterentwicklung der Gesellschaft durch 200 oder 300 Gauner unterbrochen wurde."
Von Sonderrechten, kollektiven Rechten für die Albaner oder gar einer Verfassungsreform will der Präsident nichts wissen. "Wir können die Verfassung für alle Bürger weiterentwickeln, nicht jedoch im Sinne von kollektiven Rechten. Warum reden alle nur über die Albaner, es gibt doch auch die anderen Minderheiten", sagt der Präsident.
Das Land aber ist in einer dramatische Lage, der Kampf der UÇK ist noch nicht beendet. Auch die gemäßigten Parteien der Albaner fordern angesichts der Tatsache, dass sie nach eigenen Angaben weit über 30 Prozent der Bevölkerung stellen, weit mehr als bisher angeboten wurde. Die Frage also, ob die Führung Makedoniens wirklich etwas anbieten kann, was der UÇK den Boden entziehen könnte, kann Trajkovski von seiner Position aus nicht beantworten. "Wir bieten uns selbst an, unseren guten Willen für einen Dialog."
Die Zeit drängt, denn am 9. April wird mit der EU verhandelt (siehe Text unten). Schon droht die Partei von Arben Xhaferi aus der Regierungskoalition auszusteigen und somit die Gespräche zu Fall zu bringen. Die PPD, die zweitgrößte Partei der Albaner, will die Gespräche boykottieren, weil sie ohnehin sinnlos seien. Gibt das Trajkovski nicht zu denken? "Sicher, wir können aber nichts anderes tun, als immer wieder darauf hinzuweisen, dass lediglich über die demokratischen Institutionen gehandelt werden kann. Wir müssen die Erziehung zur Toleranz stärken und gemeinsam nach Europa gehen."


Quelle: die tageszeitung (taz) - ERICH RATHFELDER

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