Alte Version dieser Seite EMKNI en français
-
EMKNI - 24.04.2001   Zurück zur Übersicht

Singapur: Andacht statt Action in Kinos

Singapur. Jeden Sonntagmorgen von neun Uhr an dringen ungewohnte Klänge aus den Sälen des "Golden Village"-Multiplexkinos in Singapurs Yishun Avenue. Keine aufgeregte Kinderschar freut sich über einen neuen Trickfilm, und dröhnende Verfolgungsjagden spielen sich vor den Besuchern erst recht nicht ab. Vielmehr füllt den Raum Kirchengesang und Gebet. Andacht statt Action: Seit immer mehr Kinos in dem asiatischen Stadtstaat schlecht ausgelastet sind oder gar schließen, haben Gemeinden die fensterlosen Säle für ihre Gottesdienste entdeckt.
"Vor allem, dass die Räume am Sonntagmorgen zur Verfügung stehen, kommt uns sehr entgegen", sagte Reverend Gordon Aw von der Yishun Methodist Church. Schon seit 1998 mietete die 400 Mitglieder zählende Gemeinde im "Golden Village" jeden Sonntag zwei Säle, jeweils für Andachten in Englisch und Chinesisch. Die Kirchenverwaltung ist in einem Bürogebäude untergebracht.
Für Singapurs Kinobesitzer haben sich die ungewöhnlichen Mieter als Segen erwiesen, seit immer häufiger Sitzreihen leer bleiben. Laut Statistikamt ging die Zahl der Kino-Besuche von 17,4 Millionen 1997 um 20 Prozent auf knapp 13,5 Millionen im Jahr 2000 zurück. Der Grund: Im reichen Stadtstaat fällt jedermann der Kauf von Video-Konserven leicht, den Rest besorgt die inzwischen weite Verbreitung des Kabelfernsehens mit seinen Spielfilmkanälen. Selbst verbilligte Tickets konnten nicht mehr Zuschauer in die Kinos locken und brachten nichts als weitere Verluste.
Während ein Teil der Kinos mit der stundenweisen Vermietung Löcher in der Kasse zu stopfen sucht, ist manch älteres Lichtspiel- inzwischen vollständig zum Gotteshaus geworden. Eine "exzellente Wahl" sei es gewesen, 1995 das bankrotte "Hollywood" auf Dauer zu pachten, sagt ein Mitarbeiter der Kirchenverwaltung der City Harvest Church. "Es war ein unabhängiges Kino und nicht wie andere in einem Einkaufszentrum untergebracht." Wegen seiner Vergangenheit liege es verkehrsgünstig in U-Bahn-Nähe, und Parkplätze für die rund 12 000 Gemeindemitglieder seien auch reichlich vorhanden, freut er sich.
Ob allerdings die Einnahmen aus der Kirchenkasse das Kinosterben im Stadtstaat aufhalten kann, ist offen. Die Yishun Methodist Church beispielsweise zahlt pro Woche umgerechnet zwischen 500 und 700 Franken für ihre beiden Säle. Eine ausverkaufte Vorstellung brächte dagegen umgerechnet rund 7000 Franken.
Ein Sprecher des "Golden Village"-Multiplexkinos drückt die Not indes so aus: "Wir sind ständig auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, die Säle zu nutzen, um immer wieder aufs Neue zu begeistern." So plane man, Live-Übertragungen von Fussballspielen oder Autorennen auf die Leinwand zu bringen. Gebete allein, so scheint es, sind nicht genug.


Quelle: Basler Zeitung vom 20.04.2001 - Frank Brandmaier

-----------
Veröffentlichung nur mit Quellenangabe "EMK News" gestattet!
Bitte senden Sie Ihre Bemerkung an die folgende Mailadresse:
"emknews-redaktion at umc-europe punkt org"