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EMKNI - 21.03.2001   Zurück zur Übersicht

Makedonien: Caritas-Mitarbeiterin zur bedrohlichen Lage in der Balkanrepublik

Paul Gräsle telefonierte am 14. März mit Ingrid Abrell, Caritas-Mitarbeiterin in Skopje, Makedonien. Abrell organisiert für Caritas in Makedonien Sozialarbeit und ist in Kontakt mit vielen Menschen in diesem Gebiet. Im Folgenden ihre Einschätzung der Situation.

"Heute ist das eingetroffen, was von vielen befürchtet wurde, nämlich die Ausweitung der bewaffneten Kämpfe auf weitere Gebiete innerhalb Makedoniens.
Bisher hätte man die ganze Krise als eine auf ein paar abgelegene Bergdörfer begrenzte Aktivität von Terroristen abtun können. Aber nun gab es Angriffe auf Polizeipatrouillen unweit von Tetovo, Makedoniens zweitgrößter Stadt, die zu 80% von albanischen Mazedonern bewohnt ist. Während einer Demonstration "Gegen den Staatsterror" wurden die Schüsse, die aus den Vororten zu hören waren, von den Teilnehmern mit Klatschen begrüßt. Die Wunschvorstellung, dass die Extremisten hauptsächlich aus dem Kosovo unterstützt werden, kann nun auch öffentlich nicht mehr aufrechterhalten werden. Die Angst vor einem sich ausbreitenden Konflikt, vor einem Bürgerkrieg wächst täglich. Manche sagen, dass nun Makedonien, das als einziges Land des ehemaligen Jugoslawien ohne Krieg unabhängig wurde, an der Reihe sei, die Kriege seien von Nord nach Süd gegangen, über Slowenien, Kroatien, Bosnien, Kosovo.
Die Beziehungen zwischen Albanern und Slawen sind zwar hier im Lande so gut wie wahrscheinlich nirgends auf dem Balkan, es gibt albanische Minister in der Regierung, vor kurzem wurde der Grundstein für eine albanische Universität gelegt, gestern gab es eine Friedensdemonstration mit 10 000 Teilnehmern, organisiert von der albanischen Partei, die in der Regierungskoalition ist, aber trotzdem ist es ein gewaltiges Pulverfass.
Diskriminierungen und Benachteiligungen von Albanern existieren, die slawischen Makedoner tun sich sehr schwer mit der Tatsache, dass die Albaner keine kleine Minderheit sind und beispielsweise Albanisch als offizielle zweite Staatssprache fordern, aber von ethnischen Säuberungen oder systematischen Verfolgungen der hiesigen Albaner zu sprechen, ist nicht gerechtfertigt. Inzwischen sind etwa 1000 Menschen, vor allem Frauen, Kinder und alte Menschen, aus der Gegend um Tanusevci in andere albanische Dörfer in der Nähe von Skopje geflohen. Sie haben einfach Angst, zwischen die Fronten zu kommen. Wir hoffen, dass die Männer nur dort geblieben sind, um das Vieh zu versorgen und nicht um freiwillig oder gezwungenermaßen dort mitzukämpfen.
Die mazedonische Regierung bewegt sich auf einem ganz schmalen Grat und es ist beachtlich, wie moderat und zurückhaltend sie bisher reagiert. Wenn ein massiver Militärangriff zu vielen Toten auf albanischer Seite führen würde, könnte dies zu einer Radikalisierung der ca. 30% Albaner hier im Land und zu einer Ausweitung des Konfliktes auf ganz Westmakedonien führen.
Gleichzeitig kann die Regierung aber nicht zulassen, dass ein Teil des eigenen Territoriums besetzt ist und Soldaten und Polizisten getötet werden. Deshalb werden manche slawischen Makedoner ungeduldig und verlangen ein hartes Durchgreifen.
Heftig diskutiert wird hier die Rolle der NATO während des Kosovokrieges und jetzt die Berichterstattung in ausländischen Medien. Häufig hört man, die jetzige Situation sei die Folge der einseitigen Parteinahme für die Albaner im Kosovo, die KFOR hätte versagt etc. Durch die Schuldzuweisungen ans westliche Ausland wird natürlich auch von der eigenen Verantwortung für die Förderung einer gelingenden mulitethnischen Gesellschaft abgelenkt und die Vorurteile können weiter gepflegt werden.
Ich hoffe, dass diese Krise beigelegt werden kann und es nicht zu einem Bürgerkrieg kommt, denn Makedonien, dieses kleine Land mit zwei Millionen Einwohnern, hat auch so schon genug politische und wirtschaftliche Probleme."


Quelle: Ingrid Abrell

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