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EMKNI - 07.05.2001   Zurück zur Übersicht

Deutschland: Umgestoßene Grabsteine, tote Katzen, Satanssymbole an kirchlichen Gebäuden. Vom Erstarken satanistischer Gruppen in Brandenburg

Der Lindenpark ist eine beliebte Diskothek in Potsdam. Seine Besucher sind jung, zwischen 15 und 21 Jahren. Manche nennen den Klub "Kinderschubs". Das Haus an der Havel will jetzt zur ersten Adresse für Schwarze Musik werden. Gemeint ist nicht Soul oder HipHop, sondern düster-sakrale Musik der Gruftie-Szene, auch Gothics genannt. Schon Anfang der 90-er Jahre war der Klub Mekka der Schwarzmäntel und Bleichgesichter. Aus Sachsen und Thüringen kamen Grufties angereist, sagt Thomas Gawrisch vom Marketing der Disko. Dann löste eine Techno-Welle den Musiktrend ab. Jetzt kommt die tot geglaubte Musik aus aggressivem Black Metal, Trash und Death zurück auf die Tanzflächen. Einmal im Monat, am "Schwarzen Freitag". Kai B., Gruftie aus der Stadt Brandenburg, gehört mit 20 Jahren schon zu den Alten. Sein Credo: glaube weder an Gott, noch lass dir etwas von anderen sagen. Kai lackiert sich nur am Wochenende die Nägel schwarz, er ist gerade bei der Bundeswehr. Er liebt Schmuck und natürlich die Farbe schwarz. An seinem Mittelfinger steckt eine Art Fingerhut, ein langes spitzes Ding aus Silber - ein bedrohliches Werkzeug, das keine besondere Bedeutung habe, versichert Kai geheimnisvoll. Wie sein Vorbild, der Gothic-Heroe und amerikanische Sänger Marilyn Mansion, fordert Kai den "absoluten Individualismus". Kleinbürgerliches, den Geschmack der Masse, das Normale, Alltagsängste und vor allem die Kirche lehnt er ab. Er will um jeden Preis anders sein. Dafür verehrt er auch den Teufel. Sekten und schwarze Messen seien ihm aber suspekt. Das umgedrehte Kreuz, ein Zeichen der Teufelsanbeter, trage er, "weil er die Verantwortung über sein Leben nicht Gott, sondern nur sich selbst überlassen will".
Wie Kai spielen viele Jugendliche nur aus Modegründen mit dem Feuer. Doch mancher Satanist legt sich als Verehrer des Antichristen, des Teufels, direkt mit der Kirche an - wie zuletzt in Oranienburg. An den Wohncontainer der Evangelischen-Methodisten
Kirche wurde in pechschwarzen Buchstaben "Tötet das verdammte Christenpack!" und ein Pentagramm, das Symbol der Satanisten, geschmiert. Pfarrer Meinhardt, der Sozialarbeit mit Jugendlichen in dem unter hoher Arbeitslosigkeit leidenden Viertel, der "Weißen Stadt" betreibt, hat die Polizei eingeschaltet.
Satanismus ist vor allem eine Jugendbewegung und eine Mutprobe. Wer in einen satanischen Zirkel der Teufelsanbeter aufgenommen werden will, muss oft Mut- und Eignungsproben absolvieren: Diebstahl, Zerstörung, das Schlafen in Särgen gehört dazu. Rituale wie das "Ekeltraining", zu dem das Essen von Regenwürmern oder das Trinken von Urin gehört, sollen helfen, Hemmschwellen überwinden. Die Scheu, andere zu verletzen und zu quälen, soll jeder Satanist verlieren. Die Haltung "Tu was du willst" gilt als erstrebenswert.
Daniela Weber, Religionswissenschaftlerin und Referentin der Religionsphilosophischen Schulwochen, klärt an Brandenburger Schulen über Satanismus auf. Viel laufe dabei im Geheimen ab. In keiner Szene werde so viel Wert auf das Wahren der Geheimnisse gelegt. "Satanisten sind absolut verschwiegen", sagt Weber. Zu unterscheiden sei in der Szene streng zwischen Jugendbewegungen aus Provokation und satanistischen Verbindungen der Orden und Logen. Da dürfe nichts pauschalisiert werden. Wenn Weber ihren Unterricht beendet, kämen oft Schüler, um die Frau ins Vertrauen zu ziehen. "Viele haben Angst und sind froh, mal mit jemanden darüber vertraulich reden zu können." Die Berichte reichen vom feiern Schwarzer Messen bis zu rituellem Töten von Tieren. "Eine wichtige Rolle im Satanismus spielt Sex", sagt Daniela Weber. Üblich seien während satanistischer Messen sogar Vergewaltigungen von Frauen und Männern.
Eines beunruhigt Kirchen und Religionswissenschaftler besonders: die zunehmende Verbindung von Rechtsextremisten und Satanisten im Land. Daniela Weber: "Es gibt in Brandenburg immer mehr Gruppen, die beides bedienen: Satanismus und Neo-Faschismus." Was beide verbinde, sei der wachsende Protest gegen die etablierte Gesellschaft, die es von einer vermeintlich christlich-jüdischen Fremdherrschaft zu befreien gelte. Bindeglied sind meist Rockgruppen des Black-Metal oder Death-Metal. Martialische Symbole, Verherrlichung von Rassenmerkmalen, Verehrung des Bösen als Macht und nicht zuletzt ein elitärer Sozialdarwinismus, der Mitgefühl und Akzeptanz Schwacher in der Gesellschaft ablehnt, sei bei diesen Jugendlichen populär. Als Zentren solcher Gruppen sehen Szenebeobachter unter anderem Oranienburg und Königs Wusterhausen.
Die Oranienburger Polizei muss am beschmierten Kirchencontainer ihren ersten Fall von Satanismus bearbeiten. Die Analyse der Schriftzeichen ist kompliziert und stellt die Ermittler vor minutiöse Recherche. "Es ist oft schwer, aufzuklären, woher die Schriftzüge stammen und was sie bedeuten", sagt Christiane Rossow vom Polizeipräsidium Oranienburg. Für Polizeisprecher Rudi Sonntag sind die gemalten Schafskopfhörner an den Zacken des senkrecht verlaufenden Dreiecks dagegen ein Beweis, dass Laien am Werk waren. Das Pentagramm symbolisiere schon den Teufel, Attribute seien überflüssig. Sonntag zückt ein Handbuch mit Symbolschlüsseln für satanische Zeichen. Drei Sechsen, Pentagramme und umdrehte Kreuze als Symbole des Teufels werden dort erklärt.
Eine allgemeine Tendenz der Teufelsanbeterei will die Polizei im Land nicht erkennen. Kirchenschändungen und verwüstete Friedhöfe werden meist Rechtsradikalen zugeordnet. Ulf Lange, kommissarischer Leiter für Jugend im Landeskriminalamt in Basdorf, ist einer von drei Beamten, die Satanismus und Sekten bekämpfen. Einschätzen kann die Polizei nicht, wie sich die Szene in Brandenburg ausbreite, da Satanismus keinen Straftatbestand darstelle.
Ein Haufen stinkender Exkremente auf dem Altar im Kloster Zinna vor gut einem Jahr war nicht das Werk von Satanisten, sagt die Polizei. Als Teufelsanbeterei gelten in der Kriminalstatistik Vandalismus und Schmierereien an Kirchen nämlich nicht, wenn es nicht eindeutig erkennbar ist. Erst, wenn ein Hexagramm oder das Wort "Satan" auftauche oder umgedrehte Grabsteine mit antichristlichen Symbolen gefunden werden, werde dies in die Statistik aufgenommen, so Lange. Viele Polizisten erkennen auch oft satanistische Hintergründe nicht: Eine tote Katze etwa ist kein Beweis - auch wenn sie Spuren ritueller Hinrichtung erkennen könnte. Gefährlich wurde Satanismus, als 1996 in Cottbus Pastoren bedroht wurden. Aufsehen erregte auch der Fall vor einem Jahr, als ein Kind nur für den Zweck einer Kulthandlung geboren worden sein sollte. Doch auch hier war die Beweislage brüchig. Lange: "Das ließ sich nicht verifizieren."
Lange vom LKA warnt vor dem gefährlichen Einfluss satanischer Gruppen, auch wenn er die wachsende Verbindung zwischen rechtsextremen und Satanisten nicht bestätigen will. Die schwarze Szene der Grufties wehrt sich gegen Satanisten aus der rechten Ecke. Zum jährlichen Gruftie-Treffen in Leipzig wurden gar Sticker mit Parolen gegen Rechts verteilt. Diskjockey Matthias, der in der Diskothek Ferrum Gruftie-Musik in Brandenburg/H. auflegt: "Die Gruft-Szene wird oft fälschlich in die Nähe zur rechten Szene gerückt." Es gebe eine seltsame Theorie: "Weil wir Teufelsanbeter sind, und Adolf Hitler als der Teufel, das Böse schlechthin gesehen wird, entsteht dieser Gedanke. Daran stimmt nichts, unsere Stadt ist fest in der Hand von Linken." Im übrigen aber gelte: Wer den Teufel nicht kennt, glaube nicht an Gott.


Quelle: Berliner Morgenpost - Luise Wagner

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