Alte Version dieser Seite EMKNI en franšais
-
EMKNI - 06.11.2001   Zurück zur Übersicht

USA: Hexenjagd

Gestern erschien im Kölner Stadt-Anzeiger ein Artikel von Brigitte Desalm. Die Autorin zieht eine Linie von den massiven Hexenverfolgungen der Jahre 1692 und 1693 in Salem, Massachusetts zu den Methodisten. Dass dabei von zwei eigentlich nicht zusammengehörenden Ereignissen geschrieben wird, ist nur aufmerksamen LeserInnen bewusst. Die neuenglischen Methodististen gab es zurzeit der Hexenverfolgungen in Salem noch gar nicht. Der Gründer John Wesley wurde erst 1703 geboren.
Richtig ist, wie Desalm schreibt, dass methodistische Prediger der Pionierzeit mit den Beschwörungen der Hölle den Menschen einheizten. Mit dem, was Arthur Miller in seinem Theaterstück "Hexenjagd" beschreibt, dass nämlich schon das heimliche, nächtliche Lesen eines Buches zum Tatbestand teuflischen Umgangs führte, haben diese methodistischen Wanderprediger nichts zu tun. Das wäre auch etwas seltsam bei der kirchlichen Bewegung, deren Gründer die erste Taschenbuchreihe herausgegeben hatte.
Im Folgenden der Wortlaut des Zeitungsartikels.

"In den Augen Europas war es ein von fanatischen Sektierern bevölkertes Grenzgebiet, Künstler gab es so wenig wie Schriftsteller, Musik oder Tanz. Der Glaube verbot den Menschen alles, was eitlen Vergnügungen gleichkam.
Hier wird kein Talibanistan beschworen, aus der Zeit, bevor es in den Krieg mit der westlichen Welt eintrat. Vielmehr beschreibt so Arthur Miller das Salem von vor 300 Jahren, Schauplatz seines Theaterstücks 'Hexenjagd'. Mehr als 200 Menschen fielen hier zwischen 1692 und '93 den späten Auswüchsen eines christlichen Fundamentalismus zum Opfer. Und wenn wir heute daran erinnert werden, so deswegen, weil die Gouverneurin des Staates Massachusetts fünf der 20 damals am Galgen aufgeknüpften Opfer rehabilitiert hat. Dass Jane Swift die Urkunde ausgerechnet am Gespensterfest Halloween unterzeichnete, mag eine Geste an den gallenbitteren englischen Namensvetter sein.
Auf jeden Fall erinnert sie uns daran, dass der zur Zeit so erwünschte Dialog der Religionen auch eine Verständigung über eigene Irrwege sein könnte. Und da hat ja das in Teilen der islamischen Welt zum Erzfeind ausgerufene Amerika die Exzesse seiner puritanischen Vergangenheit. In neuenglischer Prägung und zumal bei den Methodisten hatte sich der vormals von der englischen Staatskirche unterdrückte Puritanismus in der Neuen Welt zur staatstragenden Elite-Ideologie aufschwingen können - und für eine gewisse Zeit ein theokratisches Herrschaftsmodell etabliert: Kirche und Stadt waren durch den Bund mit Gott zur Einheit verbunden. 'Ungläubige' hatten nicht teil an den Rechten, so wurde die Gesinnung geschützt. Und die lustfeindlichen methodistischen Prediger heizten der Pioniergesellschaft ein mit den Beschwörungen der Hölle. Schon das Lesen eines Buchs, heimlich in der Nacht, erfüllt in Millers 'Hexenjagd' den Tatbestand teuflischen Umgangs.
Die Hexenjagd in Salem war in der amerikanischen Geschichte gottlob nur ein kurzzeitiger Spuk. Die Fähigkeit zur Selbstaufklärung aber, die Jane Swift jetzt unter Beweis stellt, würde man den im Namen Allahs errichteten autokratischen Regimes unserer Zeit wünschen."


Quelle: EMKNI - J÷rg Niederer

-----------
Ver÷ffentlichung nur mit Quellenangabe "EMK News" gestattet!
Bitte senden Sie Ihre Bemerkung an die folgende Mailadresse:
"emknews-redaktion at umc-europe punkt org"