Alte Version dieser Seite EMKNI en français
-
EMKNI - 14.11.2001   Zurück zur Übersicht

Schweiz: Herbst-Abgeordnetenversammlung des Kirchenbundes in Bern

Am Montag fand im Kursaal in Bern die Herbstabgeordnetenversammlung (AV) des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) statt. Die Fristenregelung und die Bedeutung des religiösen Lebens in der Gesellschaft waren die beiden Schwerpunkte der AV. Zu Beginn der Diskussion um die Fristenlösung verteilten Demonstranten Plastikembryos und Flugblätter gegen jeglichen Schwangerschaftsabbruch.
Die AV dauert in diesem Jahr zum ersten Mal nur einen Tag, auch weil die in früheren Jahren zusammen mit der SEK-AV durchgeführten Abgeordnetenversammlungen der Hilfswerke Heks (Hilfswerk der evangelischen Kirchen der Schweiz) und Bfa (Brot für alle) separat stattfinden. Pfarrer Urs Zimmermann {AG} wurde in die Geschäftsprüfungskommission (GPK) gewählt. In Abwesenheit wurde die Schaffhauser Kirchenratspräsidentin Silvia Pfeiffer zur Präsidentin der GPK gewählt.
Thomas Wipf, der Ratspräsident des SEK, betonte in seinem traditionellen "Wort an die AV" die "breite Beachtung", die das am 1.September feierlich der Öffentlichkeit übergebenen "Wort der Kirchen" in den Medien fand. Insbesondere nach den Ereignissen des 11.September werde, so Wipf, "von den Kirchen viel erwartet" in Bezug auf die Setzung gemeinsamer moralischer Werte für die Gesellschaft.
Wipf bedauerte, dass in Gesprächen über Themen wie den Konflikt Israel-Palästina oder die Fristenregelung, mit dem sich die AV befassen werde, die Fronten der Gespräche oft verhärtet seien und gegenseitige Diffamierungen und Verletzungen stattfänden.
Die Delegation der reformierten Kirchen Bern-Jura reichte eine Motion ein, mit der der Rat des SEK beauftragt wird, eine Kollektivmitgliedschaft bei der Pro Familia zu beantragen. David Weiss lehnte für den Rat die Annahme der Motion ab.
Die Deutschschweizer Kirchen unterstützten den Rat, die Westschweizer Kirchen die Motion der Berner Kirchen. Nach der Diskussion in der AV wandelte die Berner Delegation, vertreten durch Synodalrat Michael Dähler, die Motion in ein Postulat. Dieses wurde mit 35 gegen 18 Stimmen bei 5 Enthaltungen abgelehnt.
Der Freiburger Delegierte de Roche unterbreitete der AV eine Motion, die den Rat beauftragen soll, eine klare Stellung zur Forderung nach einer Amnestie für die "Sans Papiers" zu finden. Weiter möge der Rat seine Haltung zu den Ausschaffungsentscheiden, die gegen die Papierlosen ergangen sind, Bund, Kantonen und der Öffentlichkeit darzulegen und sich gemeinsam mit der Schweizerischen Bischofskonferenz für "menschlich vertretbare Lösungen" einzusetzen.
Auf Initiative des SEK soll ein runder Tisch zu diesem Thema gebildet werden. Die Motion wurde einstimmig bei drei Enthaltungen an den Rat überwiesen.
Die Diskussion um die Fristenregelung, die die Versammlung am Nachmittag aufnahm, erhielt Brisanz durch die Präsenz von drei Fristenregelungsgegnern, die mit einem dreimonatigen Baby auf dem Arm den AV-Delegierten Flugblätter und Plastikembryonen verteilten. Hinter dieser Aktion steht die Gruppe "Christen für die Wahrheit".
Für den Rat führte Monika Waller-Koch das Papier des Lausanner Sozialethikers Denis Müllers zum Thema Schwangerschaftsabbruch und Fristenregelung ein. Zu Diskussionen Anlass gab ein zentraler Punkt der Erklärung des Rates, die den Schwangerschaftsabbruch unter gewissen Umständen ohne Beratungsobligatorium befürwortet:
Evangelische müssten mit einem "Paradoxon" in Bezug auf den Schwangerschaftsabbruch leben: das Paradoxon der Entscheidung zwischen der Tötung werdendes Lebens und des Schützens bestehenden Lebens.
Die Postulantin, die Zürcher Kirchenrätin Jeanne Pestalozzi, kritisierte die Position des Rates als inhaltslos: "Der Subjekt-Subjekt-Konflikt in diesem Thema wird nicht inhaltlich gefüllt. Es wird statt dessen zu stark auf Extrempositionen innerhalb der Kirche geachtet, auf konservative oder feministische." Außerdem sei ihr Postulat nicht beantwortet, so Pestalozzi, da die Beratungspflicht in der Antwort des Rates nicht vorkommt.
Markus Christ, basellandschaftlicher Kirchenratspräsident, beantragte – nach einer sich an die inhaltliche Diskussion anschließenden Geschäftsordnungsdebatte – die Haltung des Rates inhaltlich zu unterstützen, jedoch formal die Antwort auf das Postulat lediglich zur Kenntnis zu nehmen. Der formale Antrag der Kenntnisnahme wurde mit 47 gegen 6 bei 3 Enthaltungen angenommen. Inhaltlich unterstützen 49 Delegierte gegen 3 Delegierte bei 2 Enthaltungen die Haltung des Rates.
Unsichere Versammlungsleitung machten eine erneute Abstimmung und klärende Eingriffe aus der Mitte der Versammlung in die Verhandlungsführung nötig.
Weiter nahmen die Delegierten von einem Bericht des Rates zu rituellen Handlungen mit Tieren Kenntnis. Das Postulat zu "rituellen Handlungen" mit Tieren wurde seitens des Rates von David Weiss LU eingeführt. Der Rat schlug in seiner Antwort an die Postulanten eine kleinere Studienarbeit zum Thema vor und eine kleine Tagung mit VertreterInnen der Kirchenbehörden, mit Fachleuten und Interessierten. Die AV nahm den Bericht mit großem Mehr zustimmend entgegen. Die Versammlung nahm weiter zur Kenntnis, das Thema Mensch und Tier in das Arbeitsprogramm der Geschäftsstelle des SEK aufzunehmen. Die AV verordnete der Geschäftsstelle mit 21 gegen 19 bei 12 Enthaltungen die Arbeitsform des "Vorortprinzips".
Die Beiträge des SEK an die drei sprachregionalen Mediendienste in Höhe von 70 000 Franken sind künftig kein fester Bestandteil des Kirchenbundsbudgets.
Der Rat beantragte am späten Nachmittag der AV, die bisher an die sprachregionalen Mediendienste (die Reformierten Medien RM in der Deutschschweiz, Protestinfo in der Romandie und die italienischsprachige Medienarbeit) ausgerichteten Beiträge des SEK von insgesamt 70'000 Franken zu streichen und auch inskünftig nicht mehr ins Budget aufzunehmen. Gleichzeitig soll für den italienischsprachigen Mediendienst ein – jährlich neu zu beantragender – Unterstützungsbeitrag von 14 000 Franken beantragt werden.
Grund sei, so Markus Sahli seitens der Geschäftsstelle des SEK, insbesondere die Vermeidung von Quersubventionen durch den SEK und die Mitgliedkirchen, die sowohl Gliedkirchen des SEK als Mitglieder des Vereins RM sind.
19 Delegierte stimmten für den Antrag des Rates, 31 für den Eventualantrag Huber SO, in diesem Jahr noch einmal der westschweizer Informationsdienst zu unterstützen, nicht jedoch die RM. Dem Antrag des Rates zugunsten des italienischsprachigen Mediendienstes folgte die AV.


Quelle: Reformierte Nachrichten (rna)

-----------
Veröffentlichung nur mit Quellenangabe "EMK News" gestattet!
Bitte senden Sie Ihre Bemerkung an die folgende Mailadresse:
"emknews-redaktion at umc-europe punkt org"