Alte Version dieser Seite EMKNI en français
-
EMKNI - 04.09.2001   Zurück zur Übersicht

Mazedonien: Der gute Hirte Boris Trajkovski

Boris Trajkovski, der 'Gute Hirte' MazedoniensSein Volk führen und ihm gleichzeitig dienen, das wolle er, so verstehe er sein Amt, sagt Mazedoniens Präsident. Als ein Teil des Volkes Boris Trajkovski nicht mehr folgen wollte und die aufgebrachte Menge vor dem Parlament in Skopje seinen Rücktritt forderte, als der Mob ihn zwang, seinen Amtssitz durch einen Hinterausgang zu verlassen, wandte sich das Staatsoberhaupt am folgenden Tag in einer Fernsehansprache an die mazedonische Nation: Er sei gewählt worden, um den Frieden zu erhalten, beschwor Trajkovski seine Landesleute, nicht um Krieg zu schaffen. Und er stellte klar: "Ich bin der Präsident des Landes. Ich bin dazu da, das Volk zu führen, und nicht, ihm nachzulaufen. Das Volk muss mir folgen, nicht ich ihm!"
Dem eigenen Anspruch an sein Amt ist Boris Trajkovski (45) in den vergangenen Monaten durchaus gerecht geworden. Das ist nicht wenig für einen Politiker. Noch dazu für einen, der die Aufgabe hat, ein Land zu vertreten, das am Rande eines Bürgerkriegs steht. Trajkovski will Präsident aller Mazedonier sein und er war ihnen bisher ein guter Hirte. Das mag daran liegen, dass die Ideale, von denen der methodistische Laienprediger sich leiten lässt, seinem christlichen Glauben entspringen. Sie sind universell, nicht gebunden an Nation oder Rasse.
Ohne den ungebrochenen Versöhnungswillen Trajkovskis hätten die Emissäre der EU und der Nato zwischen den Fronten der albanischen und der slawischen Seite nichts ausrichten können. Das Rahmenabkommen, auf das sich die Parteien geeinigt haben, das den Einsatz der Nato in Mazedonien möglich macht und den Friedensprozess einleiten soll, ist vor allem Trajkovskis Werk.
Die praktische Umsetzung des Friedensplans allerdings droht aus dem guten Hirten einen Narren in Christo zu machen. Weder die zwischen der Nato und der UCK ausgehandelte geringe Anzahl an Waffen, die die Guerillatruppe abzuliefern hat, entspricht dem Geist des Abkommens, noch scheint die Abstimmung über eine Verfassungsreform zu Gunsten der albanischen Minderheit im mazedonischen Parlament Aussicht auf Erfolg zu haben. Von vertrauensbildenden Maßnahmen ist auf beiden Seiten wenig zu spüren.
Boris Trajkovski erwog, Einspruch gegen die Nato-Mission einzulegen, nachdem die UCK die Anzahl der abzugebenden Waffen mit Billigung des Bündnisses auf 3 300 festgelegt hatte. Offenbar hat er Verständnis für das Misstrauen der slawischen Mazedonier, die an eine Demobilisierung der UCK nicht glauben mögen. Um ihr Vertrauen zu gewinnen, müsste die Nato gewillt sein, die Rebellenarmee als Auslöser des Konfliktes in die Pflicht nehmen. Bislang sieht es nicht danach aus.
Boris Trajkovski bürgt mit seiner Person und seinem Amt für die Umsetzung des Friedensplans. Für sein Engagement, seine Beharrlichkeit und sein Vertrauen sind ihm die Vermittler von Nato und EU verpflichtet. Es liegt in ihrem eigenen Interesse, die Position des Präsidenten zu stärken. Trajkovski ist ihre letzte Versicherung für eine Fortsetzung des Dialoges.


Quelle: Berliner Zeitung - Katja Tichomirowa

-----------
Veröffentlichung nur mit Quellenangabe "EMK News" gestattet!
Bitte senden Sie Ihre Bemerkung an die folgende Mailadresse:
"emknews-redaktion at umc-europe punkt org"