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EMKNI - 04.09.2001   Zurück zur Übersicht

Schweiz: Freier und Sexarbeiterinnen in der Kirche?

Gemeindepfarrer Jörg Niederer im Gespräch mit der Prostituiertenseelsorgerin Cornelia Schmidt MessingschlagerEin Gespräch mit der Prostituiertenseelsorgerin Cornelia Schmidt Messingschlager
Beides könne sie sich vorstellen. Dass Freier und Prostituierte in der Kirche dazugehören und sich als Christen verstehen. Das erklärte Cornelia Schmidt Messingschlager im Verlauf eines längeren Gespräch über ihre Arbeit als Seelsorgerin für Frauen im Sexgewerbe am vergangenen Sonntagmorgen in der Evangelisch-methodistischen Kirche Olten. Sie wolle den Menschen grundsätzlich in der gleichen, offen Art begegnen, wie Jesus Christus. Es sei nicht an ihr, die Menschen nach moralischen Kriterien einzuordnen. Natürlich hinterfrage sie auch Haltungen in ethischer Hinsicht, doch das ändere nichts an der grundsätzlichen Offenheit der Kirche für alle Menschen.
Etwas von dieser moralischen Gewichtung spürte man, als die verheiratete Frau und Mutter zweier Kinder auf die Frage antwortete, was sie von Freiern halte. "Ja... ich sehe diese manchmal, und die sehen so aus wie du, oder du oder auch du," und sie deutete dabei mit dem Kopf auf einzelne Männer unter den Zuhörenden. "Freier unterscheiden sich nicht grundsätzlich von andern Männern, sind nicht hässlicher, dicker, kleiner als diese. Wenn mir dann aber in einem Bordell ein Mann begegnet, und ich den Ehering am Finger sehe, und im Auto vor der Tür den Kindersitz, dann macht mich das schon auch betroffen, und ich frage mich, warum diese Männer in der Partnerschaft nicht finden, was sie bei den Frauen im Rotlichtmilieu suchen."
Die reformierte Pfarrerin, die mit einem katholischen Theologen verheiratet ist, arbeitet seit drei Jahren als Seelsorgerin für Frauen im Sexgewerbe beim Aids-Pfarramt beider Basel. Bevor sie diese Teilzeitstelle antrat, hatte sie keinen Bezug zum Rotlichtmilieu. Doch Berührungsängste kennt die aufgestellte junge Frau nicht. Zwar habe sich ihr mit dieser Arbeit schon eine Welt erschlossen, von der sie keine Ahnung gehabt habe, doch sie habe das mit einer gewissen Neugier aufgenommen, so im Sinne von "Was es im Sexgeschäft nicht alles gibt."
Die Frauen, die ihre Beratung in Anspruch nehmen, kommen manchmal einfach, um mit jemanden außerhalb des Sexmilieus zu sprechen, um sich beraten zu lassen über einen möglichen Ausstieg oder aus einem religiösen Bedürfnis, oder weil sie ungewollt durch einen Freier schwanger geworden sind. Cornelia Schmidt Messingschlager arbeitet nicht ausstiegsorientiert. Doch wenn Frauen in autonomer Entscheidung in ein bürgerlicheres Leben zurückkehren wollen, dann hilft die Seelsorgerin auch ganz konkret, schreibt z.B. mit den Frauen einen Lebenslauf, bei dem dann auch "geflunkert" wird, so Cornelia Schmidt lachend, um die Zeit im Milieu zu kaschieren, etwa, indem ein Auslandaufenthalt "ausgedehnt" wird, oder die Mutterschaft der Klientin beton wird.
"Gibt es eine Berufung, eine besondere Begabung für die Arbeit im Sexgewerbe." Auf diese Frage des Gemeindepfarrers Jörg Niederer antwortete Cornelia Schmidt Messingschlager: "Bei den Frauen, die zu mir kommen, habe ich das noch nie festgestellt. Alle leiden mehr oder weniger unter den Umständen ihrer Arbeit. Aber vielleicht kommen zu mir auch nur die Frauen, die wegen ihrer Situation unglücklich sind."
"Eigenverantwortung" ist ein weiteres Stichwort, das von der Prostituiertenseelsorgerin im Blick auf die Sexarbeiterinnen und noch mehr im Blick auf die Freier betont wird. "Heute geht es nicht mehr nur einfach um Sex, sondern auch um Aids, um HIV. Und da erwarte ich Verantwortung von den Männern ihren Frauen und den Prostituierten gegenüber.
Das Gespräch, das gut eine Stunde dauerte, wurde nie langweilig. Bereichert wurde es durch Musikeinspielungen, die mit dem Thema zu tun hatten, so z.B. von Züri West das bekannte Stück "I schänke der mis Härz..." oder von der Spider Murphy Gang "Skandal im Sperrbezirk".
Auch beim anschließenden Kaffee ging das Gespräch weiter, an dem sich auch eine Vorstandsvertreterin vom Frauenbus Lysistrada beteiligte.
Die für diesen Anlass verantwortlichen Personen aus der Evangelisch-methodistischen Kirche Olten zogen noch am gleichen Morgen eine positive Bilanz. Cornelia Schmid Messingschlager ist es gelungen, Berührungsängste abzubauen, Offenheit und Verständnis für oft verachtete Menschen zu fördern, und in dieser Hinsicht auch ein offenes Kirchenselbstverständnis zu unterstreichen.


Quelle: Jörg Niederer

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