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EMKNI - 09.01.2002   Zurück zur Übersicht

England: Der Erzbischof von Canterbury gab seinen vorzeitigen Rücktritt bekannt

George Carey, Erzbischof von CanterburyDer Erzbischof von Canterbury, Primas der anglikanischen Kirche und Haupt der anglikanischen Weltgemeinschaft, George Carey, gab Dienstag seinen vorzeitigen Rücktritt im November bekannt. Die Feiern im Herbst zum 50-Jahr-Thronjubiläum von Königin Elisabeth II., die nominell Oberhaupt der anglikanischen Kirche ist, wolle er noch leiten. Nach anglikanischem Kirchenrecht müsste der Primas sein Amt erst zum 70. Geburtstag abgeben. Am 13. November feiert George Carey seinen 67. Geburtstag.
Die Nachwelt wird dem 103. Erzbischof von Canterbury nicht unbedingt Kränze flechten. Von seinem Vorgänger Robert Runcie erbte Carey die finanzielle Krise durch unglückliche Investitionen.
1992 präsidierte der Primas über die Einführung von Frauen-Priestern, ein Thema, das die Kirche von Grund auf erschütterte und einen Massenübertritt zum römischen Katholizismus auslöste. Wohl wird ihm gutgeschrieben, dass er die gegensätzlichen Fraktionen wenigstens notdürftig zusammenhielt und eine Spaltung verhinderte. 1998 brach eine neue Kontroverse aus. Carey bestätigte die Entscheidung, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen mit der Bibel unvereinbar seien; Homosexuellen wurde die Priesterweihe verweigert.
Der Niedergang der englischen Staatskirche hat sich auch unter Carey verstärkt. Gegenwärtig besucht kaum eine Million Gläubige regelmäßig den Gottesdienst. Nach einer unabhängigen Studie leben im Königreich fast 24 Millionen getaufte Anglikaner, weniger als die Hälfte aller britischen Bürger.
Die Prozedur der Wahl des Nachfolgers gehört zu den vielen Eigentümlichkeiten des Anglikanismus. Die Entscheidung liegt de facto beim Premierminister, ungeachtet, ob er Anglikaner ist oder nicht. Die zuständige "Crown Appointments"-Komission unterbreitet Tony Blair, einem praktizierenden Anglikaner, der seine Kinder katholisch taufen und erziehen ließ, zwei Anträge. Der Premier kann sich für einen entscheiden und der Königin dessen Ernennung empfehlen. Er kann aber auch beide ablehnen und die Kommission zu einem neuen Zweier-Vorschlag zwingen.
Dieser sonderbaren Regelung verdankt George Carey, 1990 scheinbar chancenloser Außenseiter, seine Ernennung. Vor ihrem Rücktritt 1990 hat die damalige Premierministerin Margaret Thatcher, eine Methodistin, beide Favoriten, Erzbischof John Habgood von York und Bischof David Sheppard von Liverpool, wegen deren sozialistischer Ansichten abgewiesen und Carey zur höchsten kirchlichen Würde im Staate verholfen.
Als Favoriten für die Nachfolge gelten: Der geborene Pakistani Michael Nazir-Ali, Bischof von Rochester, eine Autorität in den Beziehungen von Christen und Moslems; der Erztraditionalist Richard Chartres, Bischof von London, und der Liberale Rowan Williams, Erzbischof von Wales.
Carey hinterlässt seinem Nachfolger den Entscheid über eine mögliche Kirchenvereinigung der Methodistenkirche und der Kirche von England.


Quelle: Salzburger Nachrichten – Erhard M. Hutter

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