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EMKNI - 19.07.2002   Zurück zur Übersicht

Kuba: Die Methodistische Kirche in Kuba – Ein Erfahrungsbericht

Sonntags um 8 Uhr: Gottesdienst in Guantanamo am äussersten östlichen Ende Kubas. In einer wackeligen Hütte ohne Glasfenster sitzen fast 40 Menschen dicht gedrängt auf Holzlatten. Zum Lobpreis und Gebet steht die methodistische Gemeinde auf. Ihr begeisternder Glaube steckt an. Der Heilige Geist ist spürbar gegenwärtig und es scheint, dass er das löchrige Kirchendach trägt.
Wir sind in einer der über 500 Hausgemeinden - Casa Culto - der methodistischen Kirche auf Kuba. Weil die kubanische Regierung nur sehr restriktiv den Bau und die Renovierung von Kirchen erlaubt, haben die Kirchen überall solche Hausgemeinden gegründet. So ist das Evangelium den Menschen sehr nahe gekommen. In ihr Hochhaus, ihr Wohnviertel, ihr Dorf. Die Christen leben mit den Menschen die gute Nachricht. Sicher eine Erklärung für das rasante Gemeindewachstum auf Kuba. Allein die Methodisten zählen heute 11.000 Mitglieder. Etwa 30.000 Menschen besuchen regelmässig ihre Gottesdienste und Veranstaltungen besuchen. Jeden Monat werden ein, zwei neue Gemeinden gegründet.
Dies war nicht immer so. Nach der kubanischen Revolution 1959 wurden die Kirchen verfolgt. Viele Christen standen auch gegen die Revolution und verliessen das Land in Richtung USA. Am Tiefpunkt hatte die Methodistische Kirche noch zwei ordinierte Pastoren und etwa 1.000 Mitglieder. „In diesen schwierigen Zeiten,“ so der derzeitige Bischof Ricardo Pereira, „seid ihr an unserer Seite gestanden“. Es waren die Christen und gerade auch die Methodisten in der ehemaligen DDR, die in diesen Jahrzehnten den Kontakt und die Geschwisterlichkeit mit Kuba gepflegt haben. Dankbar erinnerte sich der Bischof, dass im Jahr 1964 Bischof Wunderlich als einziger Ausländer nach Kuba einreisen durfte, um dort ihre Jährliche Konferenz zu leiten. Auch Bischof Härtel kam auf Besuch - und viele andere. Sie haben den Geschwistern gezeigt, dass sie nicht alleine stehen. Stolz wurde mir ein altes Motorrad gezeigt, eine Spende aus der DDR in den 80er Jahren.
10.00 Uhr in Guantanamo: Inzwischen sind wir in der renovierten methodistischen Zentralkirche im Stadtzentrum. Hunderte von Menschen sind zum Gottesdienst gekommen, selbst auf der Strasse stehen sie. Die Musik ist sehr laut, aber auch sehr gut. Die Musik vereint alle Rhythmen, die Kuba berühmt gemacht haben. Der Gottesdienst dauert - wie auf der Insel üblich - drei Stunden. Keiner verlässt die Kirche, im Gegenteil – es kommen immer mehr hinzu. Kein Gottesdienst ohne einen Aufruf zur Entscheidung für Christus. Dies ist eine evangelisierende Kirche und eine sehr kubanische dazu: Sehr viele der Gottesdienstbesucher sind Schwarze, die Mehrzahl junge Leute. Später berichtet mir der Bischof, dass 80% der Pastoren unter 40 Jahren sind. Heute ist die Methodistische Kirche vielleicht die in Hautfarbe, Alter und regionaler Zusammensetzung kubanischste der protestantischen Kirchen auf der Insel.
Die Beziehungen zur Regierung haben sich entspannt. Im Gottesdienst grüsst der örtliche Parteivorsitzende mit den Worten „Companheiros e Hermanos“ - Genossen und Brüder. Am Abend auf der Insel der Jugend nehmen ich an einer kleinen Feier teil, bei der ein Kirchengebäude wieder an die Methodisten zurückgegeben wird. Es ist über Jahrzehnte als Metzgerei benutzt worden und mit grosser Begeisterung stehen einige Hundert Menschen am späten Abend auf der Strasse, um diesen etwas zerfallenen Bau wieder entgegenzunehmen.
Einschränkung der Menschenrechte und der politischen Freiheiten – das ist die eine Seite der Revolution. Andererseits hat die Revolution auch viel für die Menschen getan. Bei einem Besuch in einer Schule war ich beeindruckt von der Ausstattung der Schule. Video für didaktische Programme in jedem Klassenzimmer, ein grösserer Computerraum und ein Garten mit Heilpflanzen. Das Niveau der Schulausbildung zeigt sich auch in den Gottesdiensten, wo Tanz und Theater eine grosse Rolle spielen und auf hohem Niveau dargeboten werden. „Das lernen unsere Kinder in der Schule“, sagt mir stolz Pastorin Rita Olivia, die für diesen Programmbereich der Kirche Verantwortung trägt. Das Schulsystem, die kostenlose Ausbildung für alle, ist in Lateinamerika unerreicht. Ähnliches gilt für das hervorragende Gesundheitssystem. Um so schwieriger ist es zu verstehen, dass die USA nicht nur seit Jahrzehnten Kuba boykottieren, sondern diesen Boykott in den 90er Jahren noch weiter gegen alles internationale Recht verschärft haben. Diese kurzsichtige US-Aussenpolitik behindert eine friedliche und demokratische Entwicklung in Kuba.
Die Situation zu Beginn der 90er Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war katastrophal, da die Wirtschaft in den Jahrzehnten nach der Revolution immer mehr auf die sozialistischen Länder ausgerichtet worden war. Nun musste die Wirtschaft über Nacht auf die Bedürfnisse des Weltmarkts umgestellt werden. Inzwischen ist dies weitgehend gelungen, aber die Aussichten sind nach wie vor schwierig. Ein Ausweg schien die Wiederbelebung des Tourismus zu sein. Heute kommen alleine aus Deutschland jährlich 300.000 Touristen nach Kuba. Die Folgen sind eine „Dollarisierung“ der Gesellschaft. Wer Dollars hat, kann in den Dollarläden alles kaufen, was sonst auf dem Markt nur schwer zu erhalten ist. Wer als Türhüter oder Taxifahrer im Touristengebiet arbeitet, verdient durch Dollar-Trinkgelder mehr, als ein Arzt pro Monat in kubanischen Pesos bekommt. Dies hat zu neuen Ungleichheiten zwischen Dollar-Reichen und Peso-Armen geführt. Die Folgen sind wachsende Kriminalität, Prostitution und eine immer grössere Spaltung der Gesellschaft.
Die Methodistische Kirche in Kuba wünscht sich sehr, dass die EMK in Deutschland wieder anknüpft an die guten Beziehungen aus den Zeiten der DDR. Sie möchten den Austausch pflegen und würden sich freuen, wenn ein Missionar oder eine Missionarin für einige Jahre mit ihnen in ihrer Kirche leben und arbeiten würde. Die EMK-Weltmission in Deutschland hat im April 2002 beschlossen, die Beziehungen zu Kuba wieder aufzunehmen. Ein erstes kleines Projekt, das unterstützt wird, trägt den titel „Pan de vida“ – „Brot des Lebens“ - und ist ein Sonntagschulprogramm. Pastor Pedro Mayor, der in den 80er Jahren im Seminar in Klosterlausnitz studiert hat und heute Schatzmeister des kubanischen Kirchenrates ist, lässt alle Methodisten in Deutschland herzlich grüssen: „Gott hat Kuba nicht verlassen, bitte verlasst uns auch nicht“.
Bilder von der Methodistischen Kirche und den Menschen in Kuba sind auf der Homepage der deutschen EMK-Weltmission zu finden unter www.emkweltmission.de


Quelle: Thomas Kemper, Sekretär der Kommission für Mission und Internationale kirchliche Zusammenarbeit der EMK Deutschland

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