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EMKNI - 08.03.2002   Zurück zur Übersicht

Grossbritannien: Ein Kommentar zum Baby nach Mass

Vor zehn Tagen ging eine Meldung durch die Weltpresse, dass die britische Familie Hashmi von den Behörden die Erlaubnis erhalten habe, mit einer künstlichen Befruchtung ein speziell ausgewähltes Kind, dass heisst mit genetisch passenden Zellen, zu bekommen, um mit dessen Nabelschnurblut den dreijährigen Bruder Zain, der an einer schweren Blutkrankheit leidet, zu retten. In England löste dieser Entscheid heftige Diskussionen aus. So wurden Stimmen laut, die vor der Herstellung eines "Designer-Babys" warnten und auch Kirchen und Abtreibungsgegner äusserten sich kritisch zum Entscheid.

Dazu ein Kommentar* von Markus Lindenmann, Pfarrer der Evangelisch-methodistischen Kirche Schweiz-Frankreich, im Ruhestand:

Die Retortenzeugung und die vorgeburtliche Genuntersuchung werden nicht im Blick auf das zu erwartende Kind angesetzt, um es vor der gleichen Krankheit zu bewahren. Sie werden im Blick auf das kranke Kind vorgenommen, um diesem das Leben retten zu können. Dem nächsten Kind wird von der Zeugung an der "Lebenssinn" vorgegeben, nämlich, das Leben seines Bruders zu retten. Das Kind wird damit gleich mit der Geburt den Zweck seines Lebens erfüllt haben. Es wird dann die lebensrettenden Ersatzteile geliefert haben. Was werden die Konsequenzen sein?
Bereits haben sich weitere Elternpaare gemeldet, deren Kinder nur mit ähnlichen Eingriffen eine Chance zum Überleben haben. Wo ein Damm einmal gebrochen ist, wird er bekanntlich immer weiter eingerissen. Auch wenn ethische Grundregeln aufgestellt werden, werden in Zukunft immer wieder Kinder in der Retorte gezeugt werden, deren Lebenssinn es ist, Ersatzteillager für Geschwister - oder auch Eltern - zu sein. Es werden Kinder zur Welt kommen, die nicht um ihrer selbst willen gezeugt, ausgetragen und geliebt werden, sondern im Blick auf andere. Dies ist extremer Missbrauch medizinischer Möglichkeiten und menschlicher Macht über das Leben. Dieser Weg zu einem Kind ist mit dieser Vorgabe ethisch nicht verantwortbar.
Auch dieses Lebensretterkind wird sich spätestens in der Pubertät mit den Fragen nach dem Sinn seines Lebens, nach seiner Herkunft und seinen Vorgaben auseinandersetzen. Für unzählige Jugendliche ist dies eine Phase extremer Zweifel an sich selbst, ebenso extremer Negierung der Vorgaben des eigenen Lebens. Dazu kommen sehr oft Suizidgedanken, weil ein Jugendlicher mit sich selber nicht mehr zurecht kommt. Was wird in einem jungen Menschen vorgehen, der realisiert, dass er um seines Bruders willen gezeugt und geliebt worden ist, dass er als Stammzellenlieferant zur Welt gekommen ist? Das wird wahrscheinlich zu einer kaum zu bewältigenden psychischen Belastung werden oder sich gar zu einer tödlichen psychischen Krankheit auswachsen. Es ist die Frage, ob es nicht eine monströse Liebe ist, die einem Kind solche Lebensvorgaben macht.
Selbstverständlich wünsche ich, dass einem so schwer kranken Kind wie Zain geholfen werden kann. Ich begrüsse auch alle medizinischen Fortschritte, die eine solche Hilfe erst ermöglichen. Aber es erschreckt mich zutiefst, wie wenig offensichtlich die ethischen Konsequenzen bedacht werden. Und vor allem erschreckt mich, dass unsere Gesellschaft so weit gekommen ist, dass Menschen schon vor der Geburt nicht mehr um ihrer selbst willen leben sollen, sondern nur noch im Blick auf andere. Wie sollen solche Menschen sich je als Geschöpfe Gottes begreifen können, wenn sie so zweckgebunden gezeugt worden sind?
Nicht nur für die Behörden auch für die Kirchen und für den einzelnen Christen muss ein ethischer Denkprozess in Gang kommen. Mit blosser Verwerfung der medizinischen Technik und der Verurteilung der verzweifelten Eltern kann es nicht getan sein. Kinder müssen auch im schwierigsten Umfeld um ihrer selbst willen gezeugt, ausgetragen, geboren und geliebt werden. Das muss das Grundmuster unseres Denkens sein und auch bleiben.

*Mit "Kommentar" deklarierte Texte müssen nicht mit der offiziellen Haltung der Evangelisch-methodistischen Kirche oder der Redaktion von EMKNI übereinstimmen.



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