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EMKNI - 15.05.2002   Zurück zur Übersicht

Argentinien: Ein Brief an den Präsidenten

Argentinien steckt seit einiger Zeit in einer schweren Finanzkrise und ist stark verschuldet. Ein Gesetzesentwurf der Regierung zur Behebung der Liquiditätsprobleme sah vor, das bedrohte Bankensystems durch die Umwandlung der Einlagen von Sparern in Staatsanleihen mit fünf- bis zehnjähriger Laufzeit ("bonos") zu retten, was massive Proteste in der Bevölkerung auslöste. Dieser Entwurf wurde aber am 22. April 2002 vom Parlament abgelehnt, worauf Argentiniens Präsident Eduardo Duhalde, in anscheinender Frustration über die Zurückweisung des neuen Bankengesetzes durch die beiden Kammern folgenden Satz sagte: "Que sea lo que Dios quiera", übersetzt auf Englisch sinngemäss: "Möge Gottes Wille geschehen".

Nelly Ritchie, Bischöfin der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) in Argentinien hat Präsident Eduardo Duhalde dazu einen Brief geschrieben:

"Möge Gottes Willen geschehen? Ja! Möge Gottes Willen geschehen!

Der Satz klang in meinen Ohren als ein Versuch, das Fehlen von Antworten zu beantworten. Dieser Satz war schmerzlich für meinen Augen, als er als Schlagzeile in einer der täglichen Zeitungen erschien - als eine Erkenntnis der Unfähigkeit, den Lärm der protestierenden Menschen zu sehen und zu hören.
"Möge Gottes Wille geschehen". Ich weiss nicht, was mich mehr schmerzt: die Leichtigkeit, mit welcher der Name Gottes beschwört wird, oder die Tatsache, dass Gott mit etwas Endgültigem in Verbindung gebracht wird, was fatal ist, mit der menschlichen Unfähigkeit gut für das Wohl aller zu arbeiten. Wollen wir wirklich, dass "Gottes Wille geschehe?" Denn... wissen wir, was Gott will?

Gott will:
- dass wir keine anderen Götter haben als Gott allein
- zum Beispiel nicht, dass wir weder den Markt vergöttern, noch dass wir unsere wirtschaftlichen und politischen Modelle ins Absolute verwandeln.
Gott will:
- dass wir uns keine Götter machen und uns nicht vor ihnen verneigen
- zum Beispiel nicht, dass wir uns dem internationalen Währungsfonds, der Weltbank, den äusseren Mächten oder nationalen Oligarchien (Herrschaft von wenigen Familien oder Personen) unterwerfen.
Gott will:
- dass wir den Namen Gottes nicht leichtfertig benützen
- zum Beispiel nicht, dass wir Gottes Namen aussprechen, um zu verbergen, nachzugeben und die Gedanken und den Willen einzuschränken.
Gott will:
- dass wir sechs Tage arbeiten... und am siebenten ruhen
- zum Beispiel nicht Arbeitslosigkeit oder Ausnutzung, das Fehlen von Möglichkeiten um
kreativ zu sein und sich zu erholen oder zu studieren und zu forschen.
Gott will:
- dass wir Vater und Mutter ehren
- zum Beispiel nicht, dass unsere älteren Mitmenschen betteln und leiden müssen, und dabei,
obschon noch lebend, zugrunde gehen.
Gott will:
- dass wir nicht töten
- zum Beispiel nicht den Tod, oder alles was Hunger bewirkt, noch das Fehlen von medizinischer Betreuung, noch institutionelle Gewalt, ungerechte Gesetze, oder Konfrontation von solchen, die arm sind gegen andere die arm sind.
Gott will:
- dass wir nicht Ehebruch begehen
- zum Beispiel nicht Betrug, oder Menschen, die ausgenützt werden, oder Verfälschung von Wahrheit und Gerechtigkeit.
Gott will:
- dass wir nicht stehlen
- zum Beispiel nicht die systematische Plünderung von Ressourcen der Menschen, noch der natürlichen Bodenschätze, noch die Entvölkerung der Länder, noch dass die Jugend ihrer Hoffnung und ihrer Zukunft beraubt wird.
Gott will:
- dass wir kein falschen Zeugnis über unsere Nächsten aussagen
- zum Beispiel keine Gesetze, die verstecken, was illegitim ist, oder Pläne, von denen nur wenige profitieren im Namen aller.
Gott will:
- dass wir nicht begehren, was unserem Nachbarn gehört
- zum Beispiel nicht, dass wir mit dem Hunger und den Bedürfnissen unserer Mitmenschen spekulieren, oder dass wir in einer geizigen Art arbeiten und dabei nur an unseren Profit denken.

Das ist, was Gott will, in Übereinstimmung mit Gottes Wort (Exodus 20) oder in den alten Worten des Propheten Micha: "Gott hat euch gezeigt was gut ist und was von euch verlangt wird: dass ihr recht tut, dass ihr treu und loyal seid und dass ihr demütig vor eurem Gott wandelt". (Micha 6,8)
Wenn wir den Willen Gottes erkennen wollen, finden wir ihn eindeutig in Gottes Wort, das geschrieben steht und im Glauben gelebt wird von so vielen einfachen und ehrlichen Personen unter uns Menschen.
Wenn wir diesen Willen tun wollen, muss er in ehrlichen Aktionen angewendet werden. Mit Gesten der Solidarität, mit Gesetzen, die gerecht und transparent sind, im Aufbau einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft, die unsere Menschen und unsere Erde beschützt.
Wir hoffen, dass wir auf diese Weise die Würde des Menschen wieder finden, in Verbindung mit der Freiheit in unserem Land.
Möge Gottes Willen geschehen? Ja! Möge Gottes Willen geschehen!"

Bischöfin Nelly Ritchie wird am Mittwoch, dem 29. Mai 2002, am Missionstag in Olten sowie anlässlich der Jährlichen Konferenz Schweiz-Frankreich der EMK auf der St. Chrischona in Bettingen an der Abendveranstaltung mitwirken.


Quelle: Prensa Ecuménica, Buenos Aires, 24. April 2002, Übersetzung: Marlin Schindler

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