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EMKNI - 06.02.2003   Zurück zur Übersicht

Welt: Kirchen vereint gegen einen Krieg im Irak

Leitende Kirchenvertreter und -vertreterinnen aus Europa, den Vereinigten Staaten und dem Mittleren Osten sind gestern in Berlin zu einer Dringlichkeitssitzung zusammengekommen, um eine gemeinsame Stellungnahme der Kirchen gegen den drohenden Krieg im Irak zu formulieren. Organisiert hatte die Veranstaltung der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) im Anschluss an eine Initiative der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und nach Rücksprache mit der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und dem National Council of Churches (NCC).
Selten zuvor hatte es zwischen den internationalen Kirchenführern so eine grosse Übereinstimmung gegeben, wie in ihrer Ablehnung eines Krieges im Irak. Nicht nur völkerrechtliche Bedenken gegenüber einem von der UNO nicht sanktionierten Militärschlag wurden dabei angeführt. Zentraler noch war die Aussage, dass die zu erwartende humanitäre Katastrophe riesigen Ausmasses aus christlicher Sicht nicht hingenommen werden könne. «Ein Krieg hätte unannehmbare Folgen für die Situation der Menschen», hiess es im Communiqué, das am Mittwochnachmittag verabschiedet wurde. Die «Entwurzelung von grossen Teilen der Bevölkerung», der «Zusammenbruch staatlicher Funktionen» und die «Gefahr eines Bürgerkrieges» seien mögliche Folgen eines Krieges, die insbesondere die ohnehin schon desolate Situation der Zivilbevölkerung dramatisch verschlechtern würde.
Zwar werde das irakische Regime durchaus als gefährlich und im Umgang mit der eigenen Bevölkerung als inhuman wahrgenommen, doch könne nach christlicher Anschauung die Kontrolle des Regimes und dessen Entwaffnung nicht durch Gewalt, sondern einzig durch eine Politik der Vernunft und Besonnenheit erreicht werden. Den «sorgfältig geplanten Massnahmen der UN-Waffeninspektoren» müsse «genügend Zeit eingeräumt» werden, «um die Arbeit zu Ende zu» bringen. Ein Krieg führe nur zu neuen Konflikten in einer ohnehin schon destabilisierten Region und zöge weitere Gewalteskalationen überall in der Welt nach sich: «Wir bedauern, dass die mächtigsten Nationen dieser Welt Krieg wieder als ein akzeptables Mittel der Aussenpolitik betrachten. Dies schafft ein internationales Klima der Furcht, Bedrohung und Unsicherheit.»
Mit dieser Haltung entspricht die Stellungnahme der europäischen Kirchen in weiten Teilen jener des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK). Dessen Präsident, Thomas Wipf, der neben Konrad Raiser (Generalsekretär ÖRK), Keith Clements (Generalsekretär KEK), Präses Manfred Kock (Präsident EKD), Bob Edgar (Generalsekretär NCC) u. a. auch an der Tagung teilnahm, deutete den klaren Konsens der Kirchen über Landes- und Konfessionsgrenzen hinaus als deutliches Zeichen der Solidarität mit den Menschen im Irak. Deren Situation beschrieb er als «derzeit scheinbar hoffnungslos: Entweder werden sie von Hussein unterdrückt oder Opfer eines Krieges. Eine Lösung muss ohne Krieg möglich sein.»
Dass sich die europäischen Kirchen zu einer derart gross angelegten Zusammenkunft bewegt sahen, begründen die Kirchenvertreter- und vertreterinnen in ihrem Communiqué mit ihrer «äusserst» grossen Besorgnis über die, nach dem 27. Januar 2003 noch akuter gewordenen «Forderungen der USA und einiger europäischer Regierungen nach militärischen Aktionen gegen den Irak». Mit ihren Aufrufen sowohl an den Sicherheitsrat, die «Grundsätze der UN-Charta» weiterhin einzuhalten wie auch an das irakische Regime, «alle Massenvernichtungswaffen zu zerstören und damit verbundene Forschung und Produktionsstätten aufzugeben», verbinden die Kirchenführer auch einen Appell, sich im Namen des Christentums gegen den Krieg zu stellen: «Wir laden alle Kirchen ein, sich uns in diesem Zeugnis anzuschliessen, für eine friedliche Lösung dieses Konflikts zu beten und alle Menschen zu ermutigen, sich am Ringen um eine solche Lösung zu beteiligen.»

Wir veröffentlichen untenstehend den kompletten Text der gemeinsamen Stellungnahme:

1. Als Verantwortliche aus Kirchen in Europa, in Beratung mit den Kirchenräten in den USA und dem Nahen Osten, sind wir äusserst besorgt über die nicht nachlassenden Forderungen der USA und einiger europäischer Regierungen nach militärischen Aktionen gegen den Irak. Als Menschen des Glaubens drängt uns die Liebe zu unseren Nächsten dazu, gegen Krieg Widerstand zu leisten und friedliche Konfliktlösungen zu suchen. Als Kirchen beten wir für Frieden und Freiheit, Gerechtigkeit und Sicherheit für die Menschen im Irak und im Nahen Osten insgesamt. Solches Beten verpflichtet uns, Werkzeuge des Friedens zu sein.

2. Wir bedauern, dass die mächtigsten Nationen dieser Welt Krieg wieder als ein akzeptables Mittel der Außenpolitik betrachten. Dies schafft ein internationales Klima der Furcht, Bedrohung und Unsicherheit.

3. Wir können die Ziele, die von diesen Regierungen, insbesondere den USA, zur Begründung eines Krieges gegen den Irak angeführt werden, nicht akzeptieren. Ein präventiver kriegerischer Angriff als Mittel, um die Regierung eines souveränen Staates auszuwechseln, ist unmoralisch und stellt eine Verletzung der UN-Charta dar. Wir appellieren an den Sicherheitsrat, an den Grundsätzen der UN-Charta festzuhalten, die die legitime Anwendung militärischer Gewalt eng begrenzen, und zu vermeiden, dass ein negativer Präzedenzfall geschaffen wird, der die Hemmschwelle erniedrigt, gewaltsame Mittel zur Lösung internationaler Konflikte einzusetzen.

4. Wir glauben, dass militärische Gewalt ein ungeeignetes Mittel ist, um die Abrüstung irakischer Massenvernichtungswaffen zu erreichen. Wir bestehen darauf, dass für die sorgfältig geplanten Maßnahmen der UN-Waffeninspektionen genügend Zeit eingeräumt wird, um die Arbeit zu Ende führen zu können.

5. Alle Mitgliedsstaaten der UNO müssen sich an bindende UN-Resolutionen halten und Konflikte durch friedliche Mittel lösen. Der Irak kann keine Ausnahme sein. Wir rufen die Regierung des Irak dazu auf, alle Massenvernichtungswaffen zu zerstören und damit verbundene Forschung und Produktionsstätten aufzugeben. Der Irak muss in jeder Hinsicht mit den UN-Inspektoren zusammenarbeiten und allen seinen Bürgern die volle Anerkennung der bürgerlichen und politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte garantieren. Den Menschen im Irak muss die Hoffnung gegeben werden, dass es Alternativen sowohl zu Diktatur als zu Krieg gibt.

6. Ein Krieg hätte unannehmbare Folgen für die Situation der Menschen, u.a. die Entwurzelung von großen Teilen der Bevölkerung, den Zusammenbruch staatlicher Funktionen, die Gefahr von Bürgerkrieg und Destabilisierung der ganzen Region. Das Leiden irakischer Kinder und der unnötige Tod hunderttausender Iraker während der letzten zwölf Jahre der Sanktionen lasten schwer auf unseren Herzen. In der gegenwärtigen Situation bekräftigen wir mit Nachdruck das seit langem geltende humanitäre Prinzip, bedingungslosen Zugang zu Menschen in Not zu gewähren.

7. Außerdem warnen wir vor den möglichen sozialen, kulturellen und religiösen, aber auch diplomatischen Langzeitfolgen eines solchen Krieges. Weiteres Öl in das Feuer der Gewalt zu gießen, das die Region bereits auffrisst, wird den Hass nur noch weiter anfachen, indem extremistische Ideologien gestärkt und weitere globale Instabilität und Unsicherheit genährt werden. Als Verantwortliche aus Kirchen in Europa haben wir eine moralische und pastorale Verpflichtung, Fremdenhass in unseren Ländern entgegenzutreten und den Menschen in der muslimischen Welt die Furcht zu nehmen, die sogenannte westliche Christenheit stelle sich gegen ihre Kultur, Religion und Werte. Wir müssen die Zusammenarbeit für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenwürde suchen.

8. Alle Regierungen, insbesondere die Mitglieder des Sicherheitsrates haben die Verantwortung, diese Frage in ihrer ganzen Komplexität zu bedenken. Es sind noch nicht alle friedlichen und diplomatischen Mittel ausgeschöpft worden, um den Irak zu zwingen, den Resolutionen des UN Sicherheitsrates zu folgen.

9. Es ist für uns eine geistliche Verpflichtung, die sich auf Gottes Liebe zur ganzen Menschheit gründet, uns gegen den Krieg im Irak zu stellen. Mit dieser Botschaft senden wir ein starkes Zeichen der Solidarität und Unterstützung an die Kirchen im Irak, im Nahen Osten und in den USA. Wir beten, dass Gott die Verantwortlichen leiten möge, Entscheidungen zu treffen, die auf der Basis sorgfältiger Überlegung, moralischer Prinzipien und hoher rechtlicher Standards beruhen. Wir laden alle Kirchen ein, sich uns in diesem Zeugnis anzuschließen, für eine friedliche Lösung dieses Konflikts zu beten und alle Menschen zu ermutigen, sich am Ringen um eine solche Lösung zu beteiligen.

Teilgenommen an der Tagung in Berlin haben:

- Praeses Manfred Kock, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), in der 24 lutherische, reformierte und unierte Gliedkirchen zusammen geschlossen sind. Als oberster Repraesentant vertritt der Ratsvorsitzende rund 26 Millionen evangelischer Christen in Deutschland.
- Bischof Dr. Rolf Koppe, Leiter der Hauptabteilung Ausland und Oekumene im Kirchenamt der EKD.
- Dr. Konrad Raiser, Generalsekretaer des Oekumenischen Rates der Kirchen, OeRK.
- Dr. Keith Clements, Generalsekretaer der Konferenz Europaeischer Kirchen, KEK.
- Bischof Dr. Walter Klaiber, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) und Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche Deutschland.
- Praesident Jean-Arnold de Clermont, Praesident der Fédération Protestante de France, die 16 Gliedkirchen, 60 Gemeinschaften und 500 Institutionen, Organisationen und Bewegungen vertritt, mit rund 1.100.000 Mitgliedern.
- Bischof Mag. Herwig Sturm, Evangelische Kirche Augsburger Bekenntnisses (A. B.) in Oesterreich, oberster Repraesentant der rund 350.000 evangelisch-lutherischen Christen Oesterreichs.
- Praesident Thomas Wipf, Vorstands-Praesident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), in dem 26 Gliedkirchen vertreten sind.
- Bischof Jonas Jonsson, Bischof der rund 7,4 Millionen Mitglieder umfassenden Schwedischen Kirche (Svenska kyrkan). Bischof Jonsson wird begleitet von Pastor Kjell Jonasson, der im vergangenen Dezember den Irak besucht hat.
- Probst Trond Bakkevig, Norwegische Kirche. Bakkevig ist Mitglied des Zentralkomitees des Oekumenischen Rates der Kirchen (OeRK) und norwegischer Kandidat fuer das Amt des OeRK-Generalsekretaers. Die Norwegische Kirche (Norske Kirke) hat rund 4,5 Millionen Mitglieder, das sind 86,5 Prozent aller Norweger.
- Erzbischof Jukka Parma, Evangelisch-Lutherische Kirche Finnlands, oberster Repraesentant seiner Kirche (Suomen Evankelis-Luterilainen Kirkko), die 4,5 Millionen Mitglieder hat (84,8 Prozent aller Einwohner Finnlands).
- Bischof Karsten Nissen, Evangelisch-Lutherische Kirche in Daenemark (Evangelisk-Lutherske Folkekirke in Danmark, 5,1 Millionen Mitglieder, entspricht 87,7 Prozent aller Daenen).
- Bischof von Viborg, Vorsitzender des Programmausschusses des Lutherischen Weltbundes.
- Dr. Alison Elliot, Kirche von Schottland (Church of Scotland), Co-Direktor des Zentrums fuer Theologie und Oeffentliche Angelegenheiten der Universitaet Edinburgh und Mitbegruender der Aktion "Churches Together in Scotland" (ACTS).
- Pfarrer Arie W. van der Plas, Vorsitzender der Generalsynode der Niederlaendische Reformierte Kirche und Vorsitzender des Moderamen der Protestantische Kirche in der Niederlaende.
- Erzbischof Feofan, Russisch-Orthodoxe Kirche, ist Erzbischof von Berlin und Deutschland.
- Bischof Athanasius von Achaja, Kirche von Griechenland (Church of Greece).
- Rev. Dr. Nuhad Daoud Tomeh, Sonderbeauftragter des Generalsekretariats des Middle East Council of Churches (MECC), Pastor der Presbyterian Church of Syria and Lebanon.
- Dr. Bob Edgar, Generalsekretaer des National Council of Churches (NCCC), USA
- James Winkler, Generalsekretar des General Board of Church and Society der United Methodist Church, USA.
- Dr. Rebecca Larson, Executive Director der Division for Church and Society der Evangelical-Lutheran Church in America, USA.
- Mister Thor Arne Prois, Director of ACT/Action of Churches Together, Genf.


Quelle: Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund (SEK) / EMKNI

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