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EMKNI - 28.02.2003   Zurück zur Übersicht

Deutschland/USA: EMK-Gemeinde schreibt an die Konferenz, zu der auch US-Präsident gehört

Die Gemeinde der Evangelisch-methodistischen Bethesdakirche Leipzig hat einen Brief an die Konferenz von Western Pennsylvania geschrieben, zu der auch US-Präsident George W. Bush gehört. Wir veröffentlichen untenstehend den Wortlaut des Briefes:

„Liebe Schwestern und Brüder der UMC–Western Pennsylvania Conference,

in tiefer Sorge wenden wir uns an Euch und bitten Euch um gemeinsames Gebet und gemeinsamen Einsatz für den Frieden im Nahen Osten. Dieser Brief kommt aus Leipzig, der Stadt, die eine entscheidende Rolle bei der friedlichen Revolution in Ostdeutschland im Herbst 1989 gespielt hat. Wir haben lange unter einem undemokratischen Regime gelebt und haben daher starkes Mitgefühl mit den Leiden des irakischen Volkes unter dem Diktator Saddam Hussein. Wir unterschätzen durchaus nicht, dass solche Regime zu einer Gefahr für ihre Nachbarländer werden können. Dennoch sind wir fest überzeugt, dass ein Präventivkrieg gegen den Irak die falsche Antwort wäre.

Ein solcher Krieg
- widerspricht dem Geist und den Worten unseres Herrn Jesus Christus, der uns vorgelebt hat, dass das Böse in der Welt nicht durch Gewalt überwunden werden kann, sondern durch Liebe. Die Friedensstifter, nicht die Sieger, preist er selig.
- widerspricht der Tradition der Christenheit, die unter starken äusseren Bedrohungen Bedingungen formulierten, unter denen sie Krieg unter Umständen als letzten Ausweg für erlaubt hielten. Diese Tradition (irreführend oft Lehre vom „gerechten“ Krieg genannt) deckt einen Präventivkrieg wie er gegen den Irak geplant ist, in keiner Weise.
- widerspricht insbesondere der Lehre unserer Kirche, die in den Sozialen Grundsätzen eindeutig formuliert: „Wir glauben, dass Krieg mit der Lehre und dem Beispiel Christi unvereinbar ist. Wir verwerfen deshalb den Krieg als Instrument der Politik. Wir bestehen darauf, dass es die wichtigste moralische Pflicht aller Staaten ist, alle zwischen ihnen aufkommenden Konflikte mit friedlichen Mitteln zu regeln.“
Falls die USA im Alleingang ohne UNO-Resolution handeln, verstösst ein solcher Krieg auch gegen das Völkerrecht und würde dazu führen, dass das Vertrauen in die internationalen Institutionen abnimmt. Die unvermeidliche Folge wäre ein neuer Rüstungswettlauf, weil Nationen nicht mehr auf die kollektive Sicherheit vertrauen, sondern nur noch auf das eigene Militärpotential.
- würde das Leben vieler Tausender unschuldiger Opfer fordern und nach den Prognosen der UNO mehrere Millionen zu Flüchtlingen machen. Das dadurch verursachte Leid wäre noch grösser als das Elend, unter dem die irakische Bevölkerung schon heute lebt.
- würde den Terrorismus nicht bekämpfen, sondern vielmehr eine neue Terrorwelle auslösen. Man kann einen Terrorismus, der in islamischen Ländern verwurzelt ist, nur mit Hilfe der islamischen Länder besiegen. Was Osama bin Laden niemals schaffen kann, nämlich einen Schulterschluss des islamischen Fundamentalismus (der nicht mit dem Islam gleichgesetzt werden darf) gegen die westliche Welt, könnte Bush mit seiner Aggression erreichen. Insofern widerspricht ein solcher Krieg dem Sicherheitsbedürfnis der amerikanischen Bevölkerung.
- würde die ganze Region instabiler machen, möglicherweise neue Verteilungskämpfe und politische Unruhen auslösen, die bald wiederum zur Bedrohung werden (so wie ja auch Saddam Hussein und das Taliban-Regime in Afghanistan erst durch Unterstützung der USA zur Macht gekommen waren).
- würde in der gesamten Welt Handel und Wirtschaft schwer schädigen und damit viele Menschen in Arbeitslosigkeit stürzen. Steigende Ölpreise würden insbesondere die armen Länder vor unlösbare Probleme stellen.
- ist eigentlich zum Erreichen von mehr Sicherheit unnötig, weil der internationale Druck völlig ausreicht, um den Irak mit nichtmilitärischen Mitteln unter Aufsicht der UNO zu entwaffnen und zu kontrollieren.
Es ist daher offensichtlich, dass es vorwiegend um geopolitische und wirtschaftspolitische Interessen geht. Dafür das Leben so vieler unschuldiger Menschen (irakischer Zivilisten wie auch vieler Soldaten auf beiden Seiten) zu opfern, ist Sünde und kann von uns nicht gebilligt werden. Wir schämen uns, dass führende Politiker, die eine solche Politik betreiben, zu unserer Kirche gehören. Sie sollten ihre Politik ändern oder diese Kirche verlassen.
Wir rufen Euch daher auf, nicht nachzulassen im Widerstand gegen diesen Krieg. Gemeinsam mit Christen aller Kirchen und allen Menschen guten Willens wollen wir uns dafür einsetzen, dass Kriege kein Mittel der Politik mehr sein dürfen.
Christen in den USA als Bürger des mächtigsten Landes der Welt sind aufgerufen, der Weltbevölkerung zu zeigen, dass eine Demokratie stark genug sein kann, eine Regierung zu zügeln, die das Völkerrecht verletzt. Unsere Aufgabe in Europa ist eine doppelte: Politik zu unterstützen, die bedacht und verantwortlich nach friedlichen Wegen zur Lösung des Konflikts sucht und gleichzeitig in unserem Land deutlich zu machen, dass nicht „die Amerikaner“ Krieg wollen, sondern viele Menschen und besonders die Verantwortlichen aller Kirchen und Religionen für den Frieden eintreten. Wir sind sicher, dass die Debatte um den Irak-Krieg unsere Völker nicht trennt (wie Mr. Rumsfeld behauptet), sondern enger zusammenführen wird.

Der Gott des Friedens sei mit Euch allen! (Römer 15, 33)

Es grüssen Euch – verbunden im Glauben – die Glieder der Ev.-methodistischen Bethesdakirche Leipzig

Ulrich Meisel, Pastor“


Quelle: Evangelisch-methodistische Bethesdakirche Leipzig / Paul Gräsle

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