Alte Version dieser Seite EMKNI en français
-
EMKNI - 22.07.2003   Zurück zur Übersicht

Europa: Seminar Reutlingen - Wird aus weniger mehr?

Sitzung des Verwaltungsrats in Reutlingen                          Foto: Achim HärtnerEin Bericht von Markus Fellinger zur Verwaltungsratssitzung des Theologischen Seminars der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) in Reutlingen, die vom 27. bis 28. Juni 2003 stattfand. Im Verwaltungsrat sind Delegierte aus allen deutschsprachigen Konferenzen Europas. Er ist das entscheidende Gremium für die Belange des Seminars.

Besonderen Anlass zum Nachdenken gibt der Umstand, dass die Zahl der Studierenden am Seminar weiterhin sinkt. In drei verschiedenen Richtungen wird weiter nachgedacht:

1. Wie können Menschen unserer Kirche wieder vom Ruf in die hauptamtliche Mitarbeit in unserer Kirche getroffen werden?

Hier liegt das Hauptproblem, das ja nicht nur unsere Kirche angeht. (Persönlich frage ich mich: Ist in unserer Kirche das Verständnis des PastorInnenamtes transparent und klar, trägt es auch eine Würde und tiefe Spiritualität in sich, oder ist der sicherlich auch unerlässliche Aspekt des Kirchenfunktionärs und moderaten Moderators in den Vordergrund gerückt? Werden Bemühungen, Menschen in den hauptamtlichen Dienst zu rufen deshalb unternommen, weil die Kirche in Not ist oder weil Menschen im ganzen Land in spiritueller und sozialer Not sind und der Liebe Gottes bedürfen?)

2. Wie können Menschen, die sich für einen pastoralen Dienst in der EMK interessieren, für das Theologische Seminar gewonnen werden?

An dieser Stelle ist zum einen die akademische und/oder staatliche Anerkennung zu nennen. Alle erforderlichen Unterlagen wurden mittlerweile vom Wissenschaftsrat in Köln angenommen und dem Akkreditierungsausschuss weitergereicht. Die Mühlen mahlen langsam, aber jetzt mahlen sie. Für den Fall, dass wieder Stillstand eintritt, wird nun ein zweiter Weg einer akademischen Anerkennung über das Wesley-Seminary (Universität Bristol, GB) angestrebt.
Aber auch mit der Anerkennung wird es Aufgabe des Seminars bleiben, ständig am eigenen Profil und Auftrag zu arbeiten: Pastorinnen und Pastoren für ihren Dienst in der Kirche auszubilden. Persönlichkeitsbildung ist ein wesentlicher Bestandteil der theologischen Ausbildung; gerade hier liegen für das Seminar in Reutlingen besondere Chancen. Dies betonten die Studierenden in ihrem Bericht, in Arbeitsausschüssen und im Plenum kam dieses Anliegen zur Sprache. Es wurde dabei deutlich, wie viele Lehrveranstaltungen bereits Fremd- und Selbstwahrnehmung fördern, so wie die Theologie insgesamt persönlichkeitsprägend ist, wenn man sich auf sie einlässt. Vor allem aber ist die Seminargemeinschaft ein Ort persönlichen Reifens. Diese wird auf der einen Seite eher spannungsfrei erlebt, andererseits macht sich eine starke Individualisierung bemerkbar. Zum Beispiel nehmen nur noch so wenige an den gemeinsamen Mahlzeiten teil, dass die bisherige Regelung verändert werden muss. Das Anliegen der Studierenden gilt es ernst zu nehmen und zu fördern, indem bisherige Wege des Seminars wieder neu genutzt und auch neue Möglichkeiten der intensiven persönlichen Auseinandersetzung innerhalb des Seminars gesucht werden.

3. Wie kann sich das Seminar für weitere Zielgruppen öffnen?

Während eines Klausurtags im Februar wurde in einer Arbeitsgruppe, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern des Kirchenvorstands der Zentralkonferenz Deutschland, der Jährlichen Konferenz Schweiz/Frankreich sowie des Dozentenkollegiums, intensiv dieser Frage nachgegangen. Der Verwaltungsrat unterstreicht deren Votum: Vor allem für „Spätberufene“ soll eine flexible Studienvariante möglich sein. Diskutiert wurde auch über Möglichkeiten, eine theologische Ausbildung für Gemeindereferenten, Diakone, LaienpredigerInnen und Interessierte anzubieten. Bei den rückläufigen Zahlen der Pastorinnen und Pastoren wird die Gestalt der Mitarbeit in unserer Kirche vielfältiger werden. Theologische Ausbildung wird aber immer unabdingbar sein. Das Theologische Seminar reagiert flexibel auf die neuen Herausforderungen.

Die neuen Entwicklungen wird der geschätzte Dozent für Kirchengeschichte und Methodismus von Strassburg aus beobachten. Dr. Michel Weyer beginnt im Herbst einen neuen Lebensabschnitt und tritt in den Ruhestand. Er wurde vom Vorsitzenden, Dr. Hans-Martin Niethammer, gewürdigt. In einer bewegten Dankesrede brachte der scheidende Dozent und langjährige Weggefährte des Reutlinger Seminars seine Verbundenheit mit diesem zum Ausdruck.

Es gibt auch neue Lehrende zu begrüssen: Marianne Nauber unterrichtet seit April Sprecherziehung. Der Ansturm auf ihre Lehrangebote ist gross. Sie sind als ein besonders wichtiger Beitrag zur praktischen Ausbildung zu werten. Im Herbst wird Dozentin Dr. Ulrike Schuler das Fach Kirchengeschichte und Methodismus übernehmen. Möge auch sie einen guten Start und eine gelingende Integration im Seminar erfahren!

Die Zahl der Studierenden wird kleiner (deutlich unter 40); die Aufgaben des Theologischen Seminars in seinen vielen Kontakten zu den Gemeinden und anderen Ausbildungsstätten in der ganzen Welt werden nicht weniger. Es muss - so wie die Kirche - ständig reformiert werden. Die Dozierenden sind sehr motiviert und bringen sich persönlich ein in die Seminargemeinschaft und im Kontakt zu den Konferenzen. Wir haben im Theologischen Seminar Reutlingen eine für unsere Anliegen qualifizierte Ausbildungsstätte. Alle am Seminar Beteiligten - und das sind schliesslich alle Gemeinden - sind eingeladen, mitzugehen, mitzubeten, Ideen und Anregungen zu äussern. Der Verwaltungsrat, die Dozierenden und Studierenden haben an diesem Wochenende spüren lassen, dass zunächst beunruhigende Veränderungen nicht zu Trübsinn und Jammer führen müssen, sondern Herausforderungen eigener Kraft, Phantasie und Lebensfreude herauslocken und nicht zuletzt das Angewiesensein auf Gottes Führung vor Augen stellen.

Im Oktober 2004 wird die nächste Theologische Woche stattfinden, die „die dunklen Seiten Gottes und der Welt“ (die Theodizee-Frage) in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung stellen wird.


Quelle: Markus Fellinger

-----------
Veröffentlichung nur mit Quellenangabe "EMK News" gestattet!
Bitte senden Sie Ihre Bemerkung an die folgende Mailadresse:
"emknews-redaktion at umc-europe punkt org"