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EMKNI - 23.07.2003   Zurück zur Übersicht

Makedonien: Der leidensvolle Weg der Asphalt-Roma von Medjitlija

Keine guten Schlafmöglichkeiten in MedjitlijaSeit mehr als zwei Monaten leben 700 Roma unter katastrophalen humanitären Bedingungen auf einem Parkplatz in Medjitlija, einer kleinen Grenzstation zwischen Makedonien und Griechenland. Die Evangelisch-methodistische Kirche (EMK) in Makedonien setzt sich mit Unterstützung der EMK in Deutschland, Österreich und der Schweiz für eine Verbesserung der Situation vor Ort ein. Ein Hintergrundbericht:

Man schrieb das Jahr 1999. Rund 700 Roma hatten gerade den Kosovo-Krieg überstanden, als albanische Flüchtlinge aus Makedonien zurückkehrten und sie kurzerhand vertrieben. Die Roma hatten sich aus den Kriegshandlungen herausgehalten, aber nun mussten sie plötzlich alles zurücklassen: ihre Häuser, ihre Arbeit, die Schulen für ihre Kinder — ihre Heimat. Die UNO duldete die Vertreibung der Roma und gewährte den Vertriebenen nur eine Art Geleitschutz bis nach Makedonien. Dort lebten diese zuerst sechs Monate in Zelten. Dann wurden sie in einem Barackenlager im Dorf Suto Orizari untergebracht, in der Nähe von Skopje, und vom UNHCR mehr schlecht als recht ernährt. Jede Familie erhielt ein Barackenzimmer, das als Küche, Wohn- und Schlafzimmer diente. Die schlechten WC‘s und Waschräume mussten die Roma miteinander teilen. Für die Kinder gab es keine Schule, für die Erwachsenen keine Arbeit. Fast vier Jahre lang bestand ihr Tagwerk vor allem darin, irgendwie die Zeit totzuschlagen. Versuche, diese Menschen in Makedonien anzusiedeln, scheiterten am Widerstand der makedonischen Bevölkerung und letztlich auch am Willen der Regierung. Eine Rückkehr in den Kosovo — und in ihre Heimat möchten sie am liebsten — kam und kommt nicht in Frage, sagte doch der UNO-Administrator im Kosovo, Michael Steiner, ausdrücklich, er könne für die Sicherheit der Roma nicht garantieren.

Die fast 4 Jahre erbärmlichen Lebens und unzähliger Enttäuschungen, verbunden mit dem Verlust jeglichen Glaubens und Vertrauens, führten im Mai dieses Jahres zu einer Verzweiflungstat: Die Roma kratzten alles zusammen, was sie noch hatten, und verkauften es, zusammen mit einigen Einrichtungsgegenständen des Barackenlagers, um mit dem Geld die Reise in die Europäische Union anzutreten, der sie die Hauptschuld für ihr Elend geben. Aber die Europäische Union hatte bisher weder Platz für diese 700 Menschen noch Geld für eine alternative und menschliche Lösung. Und so war die Reise schon in Medjitlija, einer kleinen Grenzstation zwischen Makedonien und Griechenland, etwa 30 Kilometer südlich der Stadt Bitola gelegen, zu Ende.

Auf den ehemaligen Grünflächen des dortigen Parkplatzes bauten die Roma Hütten aus Ästen, Decken und Plastikfolien. Da letztere keinen Schatten erzeugen, wurden sie mit Grasbüscheln bedeckt, um so doch noch Schutz vor der sengenden Sonne zu finden und die Temperatur wenigstens auf 35° zu senken. Die hartgetrocknete Erde in diesen Hütten ist mit dünnen Decken belegt, auf denen die Menschen schlafen. Es gibt nur wenige Schaumstoffmatten, die für die Kranken vorbehalten sind.

700 Menschen. Rund die Hälfte davon Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren. Unter den Erwachsenen viele Alte, Behinderte, Menschen im Rollstuhl, chronisch Kranke, schwangere Frauen. Und inzwischen auch sechs neugeborene Babys. Seit dem 19. Mai 2003 — also seit gut 9 Wochen — leben sie auf dem Parkplatz von Medjitlija; an der Schwelle zu Europa und doch von fast allen verlassen.

Es gibt kein Trinkwasser in Medjitlija. Die Wasserleitung der Grenzstation liefert nur Wasser, das für die Spülung der öffentlichen WC-Anlage, für das Reinigen der Strassen und notgedrungen für die Kleider- und Körperwäsche verwendet werden kann. Angesichts der Hitze und des Wassermangels lässt es sich aber kaum vermeiden, dass vor allem die Kinder von dem Wasser aus der Wasserleitung trinken, was zum Teil die vielen Erkrankungen gerade unter Kindern erklärt.

Vom UNO-Flüchtlingshilfswerk erhalten alle Familien je eine 1,5-Liter-Flasche Mineralwasser, einen Laib Brot, einen halben Liter Milch, etwas Käse und eine Packung »Compact Food«, eine in Würfel gepresste Mischung aus Getreide und Früchten. Roma-Organisationen bringen manchmal Tomaten und Paprika. Es ist angesichts dieser Rationen kein Wunder, dass die Kräfte der Roma schwinden, und dass die Gesundheit vieler Menschen unter der sengenden Sonne Makedoniens dahinschmilzt.
Auf dem Parkplatz vom Medjitlija gibt es auch eine Ambulanz. Ein kleines Militärzelt, ausgestattet mit einem Tisch, drei Stühlen und zwei Tragbahren. Auf dem Boden stehen Kartonschachteln, in denen Medikamente liegen. In diesem Zelt arbeitet jeweils ein Arzt und eine Krankenschwester während zwölf Stunden. Täglich von 9 bis 21 Uhr, für eine symbolische Entschädigung von 3 Euro, und ständig belagert von Hilfesuchenden. Diese Ambulanz wird vom «Erste-Hilfe-Dienst», einer Abteilung des Medizinischen Zentrums in Bitola unter der Leitung von Frau Dr. Lilijana Kocankovska, betreut. Ihr stehen für diese Aufgabe einige arbeitslose Ärzte und Krankenschwestern sowie zwei klapprige und verrostete Lada-Krankenwagen zur Verfügung.

Die notwendigen Medikamente für die Ambulanz hat bisher UNHCR zur Verfügung gestellt. In der ersten Juli-Woche haben jedoch die Vertreter des UNHCR die Einstellung der Medikamentenhilfe angekündigt. Die kleine und arme Evangelisch-methodistische Kirche in Makedonien, deren Vertreterinnen und Vertreter inzwischen mehrmals die Roma besucht haben, hat ihre personelle und finanzielle Hilfe insbesondere im medizinischen Bereich zugesagt. Dank Unterstützung aus Österreich, Deutschland und der Schweiz können gezielt die nötigsten Medikamente beschafft werden. Es ist nicht mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein, reicht doch diese vom Bischofssekretariat der EMK in Zürich koordinierte Hilfe bei wöchentlichen Kosten von rund 2‘000 Euro knapp 5 Wochen, wovon 2 schon verstrichen sind.

Leider ist die Lage erneut eskaliert. Am 17. Juli versuchte eine grosse Gruppe der Roma, nach Griechenland zu marschieren, um endlich ihrer verzweifelten Situation zu entrinnen. Die makedonische Polizei und bewaffnete griechische Einheiten verhinderten dies, was dazu führte, dass sich die ganze Frustration und Ausweglosigkeit in einem zweistündigen Tumult entlud. Viele Menschen wurden hysterisch oder kollabierten. Der Arzt und die Krankenschwester hatten in dieser kurzen Zeit rund 80 Personen zu versorgen. Dann beruhigte sich die Lage wieder — was die griechischen Sicherheitskräfte aber nicht daran hinderte, mit Panzern an der Grenze aufzufahren.

Seither ist wieder eine Woche vergangen, und die Lage hat sich weiter verschlechtert. Die Polizeikontrollen sind verschäft worden, die Verzweiflung wächst, und niemand weiss, wann die Roma einen erneuten Ausbruch aus ihrer Not wagen. Verantwortliche der EMK versuchen, einen LKW mit Tomaten, Paprika und vor allem Melonen ins Lager zu bringen. Ob die vor dem Lager postierte Polizei diese Lebensmittel aber zu den Roma durchlassen wird, ist heute ungewiss.

Die EMK versucht, auf europäischer politischer und kirchlicher Ebene Wege zu finden, den Roma nachhaltig zu helfen. Auch die OSZE wird am 24. Juli ein Treffen in Skopje/Makedonien durchführen, um nach einem Ausweg aus der katastrophalen Lage zu suchen. Dass auch Mihail Cekov, Pastor der EMK in Makedonien, an dieses Treffen eingeladen worden ist, kommt nicht von ungefähr und ist ein Zeichen der Wertschätzung für die schnelle und wirksame Hilfe, welche die EMK in den vergangenen Tagen geleistet hat.

Superintendent Wilhelm Nausner schreibt in einem Bericht: «Wie viele Jahre braucht ein Mensch, um jeden Glauben, jede Hoffnung zu verlieren? Es ist völlig müssig und unsinnig, angesichts dieses unbeschreiblichen Elends über Schuld- und Rechtsfragen zu diskutieren. Alles, was es braucht, ist ein Tropfen Barmherzigkeit.»


Quelle: Urs Schweizer / Bericht von Supt. Wilhelm Nausner und verschiedenen Aktualisierungen direkt aus Makedonien

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