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EMKNI - 13.06.2003   Zurück zur Übersicht

Schweiz: Lebensmitte – Schnittstelle beruflicher und persönlicher Herausforderungen

Claus D. EckAn der Tagung der Jährlichen Konferenz (JK) Schweiz-Frankreich, der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) thematisierte der Bericht der Distriktvorsteher die Erfahrungen von Pfarrerinnen und Pfarrern in der Lebensmitte. Claus D. Eck näherte sich in einem Workshop mit der ganzen Konferenz Thema an.
In seinem einführenden Referat zeigte Claus D. Eck die persönlichen und beruflichen Herausforderungen prägnant und hilfreich auf. Hier eine Zusammenfassung der Ausführungen


A) Die Lebensmitte

Fünf Elemente der Lebensdynamik können wir beobachten:

1. Biologische Veränderungen
Statistisch gesehen beobachtet man einen abnehmenden Trend im Blick auf das eigene Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit. Die Regenerationszeiten werden länger.
2. Berufliche Arbeit
Die idealistischen Vorstellungen der beruflichen Anfangsjahre nehmen sehr stark ab, dafür nimmt die realistische Einschätzung der beruflichen Situation zu, ebenfalls die berufliche Kompetenz. Diese unterschiedliche Entwicklung vergrössert das persönliche Spannungsfeld im beruflichen Bereich.
3. Intimität-Privatheit
In der Partnerschaft beobachtet man sehr unterschiedliche Entwicklungen. Die einen erleben eine zunehmende Zufriedenheit in ihrer Partnerschaft, andere eine abnehmende. Für viele ist die Situation in der Partnerschaft stabil. In der familiären Situation sind die Veränderungen eher so, dass die Zufriedenheit abnehmend ist. Auch in diesem persönlichen Umfeld entstehen Spannungsfelder, die zu bewältigen sind.
4. Soziale und lokale Integration
In der Lebensmitte wächst das Bedürfnis auf lokale Integration. Man möchte die Freundschaften und die Wohnsituation nicht verändern, sondern vertiefen. Hier ist auch ein Grund zu sehen, wieso neue Dienstzuweisungen in dieser Zeit mehr Energie benötigen als frühere.
5. Veränderungen der Wertorientierung und Kompensation
Bisher wenig beachtete Werte werden einem wichtig. Bisherige Formen des Ausgleichs oder der Kompensation bringen nicht mehr die Befriedigung, die sie früher brachten.

Alle diese Elemente der Lebensdynamik werden zudem beeinflusst von den eigenen Fähigkeiten und Ressourcen, der eigenen Veranlagung (Psychodynamik) und natürlich von den Megatrends in Kultur und Gesellschaft. Die zeitliche Verzögerung dieses Einflusses ist unterschiedlich, aber der Einfluss entsteht auf jeden Fall. Dazu haben die Wirtschaftslage und das ganze Berufsfeld auch einen wichtigen Einfluss.


B) Die Entwicklungsaufgaben im beruflichen Feld

Im beruflichen Umfeld hat es im Vergleich zu vor 10 Jahren starke Veränderungen gegeben. Bis vor 10 Jahren war der Anspruch an die Organisation und der Anspruch der Organisation an sich eindeutig, dass die Organisation für ihre Angestellten Konzepte für die berufliche Entwicklung hat. Heute ist das radikal anders. Die Organisationen sind nicht mehr in der Lage das zu garantieren! Die Individuen müssen mehr und mehr selber dafür Verantwortung übernehmen.

C.D. Eck beschrieb vier Entwicklungsaufgaben, die man in der Lebensmitte zu gestalten hat.

1. Realistische Einschätzungen
Es gilt die professionellen, berufsfeldbezogenen und institutionellen Entwicklungen realistisch einzuschätzen.
2. Sich den veränderten Anforderungen anpassen
Aufgrund dieser realistisch wahrgenommenen Veränderungen und Entwicklungen werden auch die veränderten Anforderungen deutlich. Es gilt die neuen Anforderungen mit den eigenen Interessen und Ressourcen in Beziehung zu setzen und diese zu klären.
3. Rollentyp und Lebensstil entscheiden
Für die eigene berufliche Stellung gilt es grundsätzliche, langfristige Verständnisse zu klären:
Verstehe ich mich a) als Fachkraft mit generellen Fähigkeiten, b) als Spezialist mit Topfähigkeiten in meinem Spezialbereich, oder c) als Nischenarbeiter, der seine Fähigkeiten unter verschiedenen Arbeitgebern einsetzt oder möchte ich d) in der Hierarchie meines Berufsfeldes eine neue Position anstreben?
a) ist gut vereinbar mit neuen Work-Life-Balance Modellen in Familie und Partnerschaft
b) ist schlecht mit neuen Work-Life-Balance Modellen vereinbar, weil der Beruf absolut erste Priorität hat.
c) Heute haben in gut ausgebildeten Berufen nur 20% damit eine Lebensstelle. Viele arbeiten unter verschiedenen Arbeitgebern. Diese Arbeitsweise ist gut kombinierbar mit neuen Work-Life-Balance Modellen. Dieses Modell wird wohl in den kommenden Jahren das Mehrheitsmodell sein.
d) Meistens geht es um einen Aufstieg in der Hierarchie
4. Systematische Planung und Gestaltung der nächsten Entwicklungsschritte
Sind einige Klärungen in den ersten drei Schritten möglich geworden, gilt es nun die nächsten Entwicklungsschritte systematisch und schrittweise zu planen und anzugehen.


C) Warum die berufliche Entwicklung in der Lebensmitte in der EMK nicht einfach ist

Grundsätzlich ...
1.
In dieser Thematik spiegelt sich das grundsätzliche Verhältnis zwischen Individuum und Organisation wider. Auf der einen Seite steht die Organisation, die ihre spezifische Funktion erfüllen will. Auf der anderen Seite die (gegenwärtige) Betonung der Individualität des Menschen. Diese beiden Pole stehen einander konflikthaft gegenüber.
Eine Organisation, auch eine kirchliche, muss für einen ausreichend grossen Kreis von Menschen eine präzise Funktion ausüben. Wenn diese Funktion wegfällt oder von einer anderen Organisation besser wahrgenommen wird, verliert die Organisation ihre Bedeutung und damit die Menschen, die diese Organisation möglich machen.

2.
Die heute zunehmende Sensibilität für eine befriedigende Balance zwischen Arbeit und Leben (Work-Life-Balance) erlaubt es nicht mehr, persönlich-familiäre Interessen und Bedürfnisse selbstverständlich den Erfordernissen der Organisation unterzuordnen. Auch die Partnerinnen und Partner von EMK-Mitarbeitenden haben ihre Ansprüche auf die eigene berufliche Entwicklung.

EMK-spezifisch...
3.
Die EMK in der Schweiz ist eine „kleine Unternehmung“ (unter 200 bezahlte Mitarbeitende). Dadurch gibt es sehr beschränkte Möglichkeiten sich zu spezialisieren. Die Rolleveränderungen durch Hierarchie oder Spezialisierung sind nur für wenige möglich.

4.
Die durchschnittliche Gemeindesituation erfordert „Generalisten“ mittleren Niveaus. Zu schwache oder zu starke Persönlichkeiten werden nicht aufgenommen. Die sog. „High Potentials“ haben Probleme.

5.
Die EMK als Organisation ist – im Unterschied zu einer gewissen Selbstidealisierung – überhaupt keine internationale Organisation. Die EMK ist als Organisation (national-)konferenzlich organisiert. Transfers in und von anderen Konferenzen haben erhebliche sprachliche, politisch-rechtliche, kulturelle und finanzielle Barrieren.

6.
Sehr schwierige, ausweglos erscheinende berufliche Situationen in der Lebensmitte sind oft Spätfolgen einer nicht genügenden Abklärung am Anfang der beruflichen Laufbahn. Kritische Phasen sind der Einritt (Konferenz) und die Ausbildung (Minimalstandards). Man sollte sich in diesen Phasen weder als Individuum noch als Organisation durch nebulöse bzw. kurzfristige Argumentationen unter Druck setzen lassen.

7.
Berufliche Veränderungen in der Lebensmitte, die durch die persönliche Initiative der Pfarrer angepackt werden, haben oft zur Folge, dass sie aus der „vollen Verbindung“ austreten, oder falls das nicht möglich ist, dass die Unzufriedenheiten, die Frustration und die Schuldzuweisungen wachsen.

Was trotz der EMK-spezifischen Erschwernissen und Grenzen getan werden kann und sollte...

8.
Im Verantwortungsbereich der Kirche:
- Selektion der Mitarbeitenden
- Qualifikation der Mitarbeitenden
- Weiterbildungsverpflichtung und Weiterbildungsprogramme für die Mitarbeitenden
- Spezifische Gefährdungen der Psychohygiene bei den Mitarbeitenden erkennen
- Das alles hat zur Folge, dass die Führungsaufgabe intensiver wird!

Im Verantwortungsbereich der Mitarbeitenden:
- Die eigenen Ressourcen selber verwalten
- Die eigenen Kompetenzen erwerben und vertiefen
- Work-Life-Balance
- Die eigene Psychohygiene aktiv gestalten (z.B. Supervision, Seelsorge)
- Die eigene Arbeitsmarktfähigkeit erhalten

9.
Die Möglichkeiten für die Kirche und die Mitarbeitenden sollte verbreitert werden durch:
- Teilzeitarbeit
- Teilzeitbereiche
- Lebensphasenspezifische Möglichkeiten
- Jobsharing
- Nischen- und Portfolie – Strategie ausweiten
Für diese Möglichkeiten sollten die finanziellen und versicherungstechnischen Voraussetzungen gestaltet werden.

10.
Strukturen und Qualifikation von Kirchen und Ausbildungsstätten müssen füreinander „anschlussfähig“ gemacht werden.
- einerseits innerhalb der eigenen Denomination (Konferenzen, weltweit)
- anderseits in Beziehung zu anderen Partnerkirchen
Die Durchlässigkeit muss gewährleistet und erhöht werden.

In all dem darf nicht übersehen werden...

11.
Die typische Rolle der EMK-Mitarbeitenden wird noch einige Zeit die Rolle der „Fachkraft“, bzw. der „Generalist“ sein, mit den sehr beschränkten Möglichkeiten einer kleinen Kirche.
Diese Herausforderung ist nur dann unbeschadet und relativ ideologiefrei zu bestehen, wenn sie in eine spezifische Spiritualität eingebettet ist.
Diese Spiritualität kann nicht nur privat sein, sondern nährt sich von der Tradition und der Gemeinschaft. Die ist verbindlich, ein officium. Die Herausbildung einer solchen Spiritualität wurde zu sehr gebremst durch Ängste vor einem zu stark dominierenden Klerikalismus . Hier muss angesetzt werden, nicht um die Punkte 1-10 weglassen zu können, sondern damit diese auf einem tragfähigen Grund entwickelt werden können.

Nach diesem Referat von C.D. Eck wurden die Impulse in Murmelgruppen vertieft durch Diskussion und Beispiele aus der eigenen Erfahrung.

Gesprächspunkte waren...
1.
Eigene Erfahrungen mit Erneuerung, Entwicklung und Neubeginn, nicht nur in der Lebensmitte. Welche Chancen und Schwierigkeiten sind ihnen bekannt?

2.
Die Thematik „Lebensmitte“ bewegt sich im Dreieck Kirche-Pfarrer(in)-Gemeinde. Welche Fragen, Anregungen und Vorschläge haben sie auf diesen drei Ebenen?

3.
Welche Strukturen, bzw. Traditionen der EMK halten sie für die konstruktive Gestaltung der Lebensmitte für
- eine Chance, also besonders hilfreich
- ein Erschwernis, also eher problemverschärfend, bzw. lösungsbehindernd?

Alle Murmelgruppen haben ihre Gedanken schriftlich zusammengefasst. Diese werde gebündelt und für die weitere Bearbeitung verfügbar gemacht.

Im Plenum konnten weitere Rückfragen und Anregungen an den Dozenten und zur Thematik formuliert werden. Die Gespräche in der Mittagspause und in den Gängen zeigten, dass dieser Konferenz-Schwerpunkt viele hilfreiche Impulse gegeben hat, und sich keineswegs auf die Fragen der Pfarrer und Pfarrerinnen beschränkt, da wir alle die Herausforderungen der Lebensmitte zu gestalten haben.


Quelle: EMKNI - Marc Nussbaumer

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