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EMKNI - 09.05.2003   Zurück zur Übersicht

USA/Welt: Begründerin des Muttertags war Methodistin

Sie war nicht verheiratet, hatte keine Kinder und starb am Ende verbittert und verarmt. Und doch hat sie etwas geschaffen, was in vielen Ländern der Erde jedes Jahr am zweiten Sonntag im Mai, dass heisst an diesem Sonntag, gefeiert wird: Den Muttertag.

Anna Maria Reeves Jarvis, Tocher eines Methodistenpfarrers, wurde im Jahr 1864 in Webster im US-Bundesstaat West Virginia als eines von elf Kindern geboren. Nur vier Kinder überlebten und erreichten das Erwachsenenalter. Als Anna fast zwei Jahre alt war, zog die Familie in die nahe Ortschaft Grafton. Ihre Mutter war eine aktive Frau und initiierte die „Mothers Days Works Clubs“ zur Verbesserung von sanitären Bedingungen. Die Clubs engagierten sich auch während des amerikanischen Bürgerkriegs von 1861-1865 auf beiden Seiten. Nach Kriegsende rief sie den „Mothers Friendships Day“ ins Leben, zu dem ehemalige Soldaten aus dem Norden und dem Süden der USA mit ihren Familien eingeladen wurden. Als sie starb, führte ihre Tochter Anna gewissermassen die Vorarbeit ihrer Mutter fort. Natürlich war sie nicht die erste Person, die sich stark machte für einen Ehrentag für Mütter, aber sie war es, die es schaffte, der Initiative zum Durchbruch zu verhelfen, auch wenn es schlussendlich nicht in ihrem Sinne war.

In ihrer Jugend soll Anna Jarvis eine schlanke, rothaarige Schönheit gewesen sein und es wird erzählt, dass sie wegen einer unglücklichen Liebe so erschüttert und enttäuscht war, dass sie danach von Männern überhaupt nichts mehr wissen wollte. Sie besuchte das College und wurde Lehrerin in Grafton. Auf ein Gehalt war sie eigentlich nicht angewiesen, da ihre verwitwete Mutter wohlhabend war. Nach einigen Jahre zog sie, zusammen mit ihrer Mutter und einer blinden jüngeren Schwester, nach Philadelphia und nahm eine Stellung in der Werbeabteilung einer Versicherungsgesellschaft an. Als ihre Mutter am 9. Mai 1905 starb, war dies für Anna ein schmerzlicher Verlust und während der Trauerzeit kam ihr der Gedanke, dass es einen Muttertag für alle Menschen geben sollte. Sie war beseelt vom Gedanken, dass die Mütter schon zu Lebzeiten einen besonderen Tag der Ehrerbietung und Liebe erhalten sollten. Damit begann der besondere Kreuzzug der Anna Jarvis.

Am 9. Mai 1907 lud sie eine Reihe von Freunde in ihr Haus ein, zum Gedenken des zweiten Todestags ihrer Mutter. Dabei erzählte sie auch von ihrem Plan eines nationalen Muttertags. Ihre Kampagne dafür begann sie mit einem Brieffeldzug. Von ihrem Haus aus schrieb sie an jeden, von dem sie dachte, dass er Einfluss haben könnte: dem Bürgermeister von Philadelphia, Gouverneure, Abgeordnete, Geistliche, Industrielle, Frauenvereine und viele mehr erhielten Briefe von ihr. Die Reaktionen waren überwältigend positiv. Anna schrieb auch L.L. Loar, dem Vorsitzenden der Sonntagsschule der Andrews Methodist Episcopal Church in Grafton, wo ihre Mutter über zwanzig Jahre Sonntagsschulunterricht gegeben hatte. Loar organisierte und plante dann den ersten Muttertag, der am 10. Mai 1908 in der Kirche in Grafton und in Philadelphia stattfand. Anna sandte der Kirche für diesen Tag 500 weisse Nelken, die Lieblingsblume ihrer Mutter, für die teilnehmenden Mütter zu. Über 10’000 Nelken schickte sie danach im Laufe der Jahre nach Grafton. Die Nelken waren ein Symbol und an diesem Tag war es Brauch, eine farbige Nelke zu Ehren der lebenden Mütter und eine weisse in Gedenken an die bereits verstorbenen zu tragen.

Die Arbeit für einen Muttertag nahm nun ein solches Ausmass an, dass ihr Büro im eigenen Haus zu klein wurde. So kaufte sie das Nebenhaus. Das Interesse am Muttertag wuchs und sie wurde zu Versammlungen eingeladen, hielt unzählige Vorträge, schrieb Texte und liess Broschüren drucken, die sie überall unentgeltlich verteilen liess. Es kostete sie zwar eine Menge Geld, machte ihr aber nichts aus. Das Anliegen eines Muttertags wurde kaum in Frage gestellt, während ein Ziel, um das die Frauen in dieser Zeit kämpften, viel schwieriger zu erreichen war: das Stimmrecht. Aber auch da unterstützte Anna dieses Anliegen und liess englischen Suffragetten immer wieder Geldspenden zukommen.

Anna Jarvis erreichte ihr Ziel. Die Idee des Muttertags setzte sich durch. Zuerst wurde er im Jahr 1910 im Bundesstaat West Virginia proklamiert; weitere Bundesstaaten folgten. Der Senat und das Repräsentantenhaus der USA stimmten einer Vorlage zu und im Mai 1914 unterschrieb der amerikanische Präsident Woodrow Wilson eine entsprechende Resolution, die den Muttertag am zweiten Sonntag im Mai als nationalen Feiertag festlegte. Ein Triumph für Anna Jarvis. Doch ihre Arbeit hörte nicht auf. Nun gingen ihre Bemühungen auf internationaler Ebene weiter und noch zu ihren Lebzeiten übernahmen 43 andere Länder den Muttertag. So wurde er im Jahr 1917 in der Schweiz und im Jahr 1933 offiziell in Deutschland eingeführt.

Doch ihr Erfolg hatte auch seine Schattenseiten. „Die Leute machen ein Geschäft aus meinem Muttertag!“ verkündete sie öffentlich und meinte dazu: „Das habe ich nicht gewollt. Es sollte ein Tag des Herzens und nicht des Geldbeutels sein!“ Besonders die Blumenhändler ärgerten sie. Vermutlich lag es daran, weil diese erfolgreich Geschäfte mit den weissen Nelken, der Lieblingsblume ihrer Mutter, tätigten. Denn die amerikanische Geschäftswelt stellte schnell fest, dass man mit dem Muttertag Geld verdienen konnte. Anna Jarvis führte jahrelange Prozesse gegen die „Kommerzialisierung“ des Muttertags, doch sie verlor alle Prozesse und auch ihr ganzes Vermögen. Verarmt und verbittert zog sie sich mit ihrer Schwester in ihr Haus zurück und empfing keine Besucher mehr. Am Ende ihres Lebens zweifelte sie daran, ob die Idee mit dem Muttertag überhaupt sinnvoll gewesen sei. Sie starb im Jahr 1948 in einem Sanatorium in Pennsylvania im Alter von 84 Jahren. Zu Ehren der Verstorbenen schlugen die Glocken der Andrews Methodist Episcopal Church in Grafton 84 mal bei der Abdankungsfeier.

Die Generalkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) anerkannte im Jahr 1952 die Andrews Methodist Episcopal Church als „Mutterkirche des Muttertags“. Heute ist die Kirche ein Museum und gilt als internationale Gedenkstätte des Muttertags.

Ein kurzer Radiobeitrag zu Anna Jarvis findet sich auf der Homepage des ERF Schweiz.


Quelle: Andy Schindler-Walch, EMKNI / Div. Quellen

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