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EMKNI - 05.11.2003   Zurück zur Übersicht

Bolivien: Offener Brief von Bischof Intipampa zu den sozio-politischen Ereignissen im Land

Pfarrer Dr. Carlos Intipampa, Bischof der Methodistischen Kirche Boliviens, hat am 18. Oktober 2003 einen offenen Brief in spanischer Sprache zu den jüngsten sozio-politischen Ereignissen im Land veröffentlicht, den wir hier in voller Länge wiedergeben. Martina Läubli, die den Brief übersetzt hat, hat dazu zwei Anmerkungen gemacht. Sie schreibt zum Hintergrund der Unruhen: „Wegen der grossen sozialen Ungerechtigkeit in Bolivien gab es in den letzten Jahren immer wieder Blockaden und Protestmärsche. Als jedoch beim hiesigen Protest (gegen den Gashandel mit den USA über Chile) die Regierung das Militär aus den Kasernen rief, um die Bevölkerung mit Gewalt in Schach zu halten, war die Empörung zu gross und die gesamte Bevölkerung protestierte gegen den Präsidenten Sánchez de Lozada.“
Und zur Situation in La Paz angesichts der Unruhen vom 11. bis 13. Oktober 2003 schreibt sie: „Die Zustände in La Paz waren tatsächlich schlimm, die Stadt war seit Wochen durch Blockaden abgeschnitten, es gab kaum Lebensmittel und Treibstoff zu kaufen. Militär und Polizei schossen mit Tränengas und scharfer Munition auf offener Strasse, so dass es z.B. zu gefährlich war, Kinder in die Schule zu schicken. Es gab zwischen 400 und 500 Verwundete.“

Offener Brief von Pfarrer Dr. Carlos Intipampa, Bischof der Methodistischen Kirche Boliviens

La Paz, 18. Oktober 2003

Gemäss der Botschaft des Evangeliums und getreu ihrer prophetischen und sozialen Verpflichtung nimmt die Methodistische Kirche in Bolivien (IEMB) Anteil an den jüngsten politischen Ereignissen, an den Strassenblockaden, an den gewaltsamen Zusammenstössen zwischen den Ordnungskräften und den Bauern des bolivianischen Altiplano.
Angesichts dieser Ereignisse traf sich die IEMB am 21. September mit den Vertretern der parlamentarischen Menschenrechtskommission und der Rechtsverteidigungsstelle in Achacachi und Warisata (Provinz Omasuyos, 100 km von La Paz entfernt), um die Situation und die Konsequenzen der Zusammenstösse zwischen den Bauern und dem Militär/den Polizeikräften festzustellen. Das Ergebnis dieser Zusammenstösse ist: Unschuldige Opfer, der Verlust von Menschenleben und eine grosse Anzahl von Verletzten und Verhafteten.

In der Nacht von Montag, dem 22. September, fuhren die Teilnehmer dieser Kommission ebenfalls in Richtung der Provinz Aroma (im Süden des Altiplanos), wo die Strasse La Paz - Oruro bei verschiedenen Siedlungen blockiert worden war, und wo es in der Siedlung von Cruce de Luribay bei einem Zusammenstoss drei Verletzte und mehreren Verhaftungen gegeben hatte. Die Menschenrechtskommission und die Vertreter unserer Kirche fuhren dorthin mit dem Ziel, eine Annäherung und einen Dialog zwischen beiden Parteien zu erreichen. Im Dunkeln der Nacht aber verirrten sie sich auf dem Weg und wurden von den Blockierenden mit Steinen beworfen. Ihr Fahrzeug, Eigentum der IEMB, wurde total zerstört.

In diesem Zusammenhang reiste die Kommission am 25. September weiter nach Luquisani (Provinz Muñecas, 250 km von La Paz entfernt), um den Dialog mit den Blockierenden zu suchen und um die Personen zu unterstützen, welche dort festgehalten wurden. Nach einer intensiven Befreiungsarbeit von vier Tagen gelang es ihnen, am 28. September die Hauptstadt La Paz zu erreichen, indem sie trotz der andauernden Strassenblockaden alternative Routen suchten.

Am 29. September nahmen die Mitglieder der IEMB an der „Nachtwache für den Frieden des Landes mit effektiven Lösungen“ teil. Diese Nachtwache fand im Zentrum von La Paz statt und wurde von der parlamentarischen Menschenrechtskommission Boliviens einberufen.

Die Kirche verfolgte die Zusammenarbeit mit der Menschenrechtskommission weiter. So fuhr am 9. Oktober eine gemeinsame Kommission zur Siedlung von Ventilla, wo demonstrierende Minenarbeiter aus Oruro und Potosí verharrten. Die Kommission wollte die Situation der Demonstranten abklären und verifizieren, ob sie vom Militär und der Polizei gewaltsam niedergedrückt wurden. Bei dieser Gelegenheit stellte ihnen die IEMB erneut ein Fahrzeug zur Verfügung, und zwar dasselbe, welches schon einmal beschädigt wurde.

Am 10. Oktober versammelten sich das Personal des Methodistischen Gesundheitsdienstes und die kirchlichen Autoritäten des Distrikts von El Alto, um den Hunderten von Streikenden, die in den Gebäuden von Radio San Gabriel geblieben waren, medizinische Versorgung zu gewähren. Die Gegenwart der Kirche und ihre Hilfe in diesen schwierigen Momenten wurden von den Teilnehmern des Streiks als besonders empfunden.

Angesichts der drohenden gewaltsamen Konflikten und der sich immer mehr zuspitzenden sozialen Situation wandte sich der Bischof der IEMB mit einem offenen Brief an die Methodistische Gemeinde und rief zum Gebet für die schwierige Situation auf, die das Land durchlebte. So standen die verschiedenen Kirchen und Distrikte in permanentem Gebet, sowohl im sonntäglichen Gottesdienst als auch in speziell zu diesem Anlass veranstalteten Feiern.

Vom 11. bis 13. Oktober waren die Stadt El Alto und die Hauptstadt La Paz einem heftigen Angriff der Repressionskräfte ausgesetzt (noch gewaltsamer als bisher). In diesen Tagen stieg die Anzahl der Toten, Verletzten, Verhafteten und Verschwundenen so hoch an, wie es sie in demokratischen Zeiten Boliviens noch nie gegeben hatte. 70 Tote und 400 Verletzte wurden registriert. Die Bevölkerung beider Städte erlebte Momente des Kummers und der Angst wegen dieses Kriegszustandes, welcher im Lärm der feuernden Waffen, in der Zerstörung von Eigentum und einzelnen Häusern und im Ansturm von delinquenten Gruppen spürbar wurde. Ähnliche Szenen spielten sich in den anderen Städten Boliviens ab.

Infolge der gewaltsamen Zusammenstösse und der vielen Verletzten wurde die Aufnahmekapazität der Spitäler und Gesundheitszentren überschritten. In dieser Situation organisierten sich einige Mitglieder der IEMB und waren mit Medikamenten, Nahrungsmittel und Blutspenden zur Stelle. Diese Unterstützung fand im General Hospital von La Paz statt, wo die Mehrheit der Verletzten aufgenommen wurden.

Besorgt über die heikle Situation, die sich von Tag zu Tag verschärfte, wurde eine Kommission aus den Führern der IEMB und der CEN (d.h. wichtige Führungsverantwortliche der EMK) gebildet. Diese trafen sich am 14. Oktober, um ihre Abscheu und die Besorgnis der Kirche über soviel Gewalt und Massaker auszudrücken, und auch um die Zentralregierung zu ermahnen. Ihre Stellungnahme wurde am 15. Oktober in der Zeitung El Diario publiziert. Diese Zeitungsausgabe wurde aber von Regierungsagenten eingezogen.

Am 15. Oktober nahm die Kirche Kontakt mit der Menschenrechtsorganisation Boliviens auf, um Gesundheitskommissionen zu bilden, damit man bei der medizinischen Behandlung von Verletzten mithelfen konnte. So konnte die IEMB, trotz des allgemeinen Mangels an Medikamenten und Nahrungsmittel, eine Menge Medikamente besorgen und dem General Hospital übergeben. Auf diese Weise wurde die Pflege von Hunderten von Verletzten erleichtert, von denen viele in Lebensgefahr schwebten.

Ebenfalls fuhr die IEMB fort, die verschiedenen Demonstrationen der Bauern im nördlichen Altiplano mit Nahrungsmitteln zu unterstützen. Die protestierenden Minenarbeiter, Studenten, Hausfrauen und andere Gruppen der Stadt Oruro wurden von unserem Personal, welches den Marsch bis nach La Paz begleitete, mit medizinischer Behandlung unterstützt.

Angesichts der Verschärfung der Krise in unserem Land setzten die Menschenrechtsvertreter und die Ex-Rechtsverteidigerin Hungerstreik-Gruppen ein. Diese Massnahme diente der Befriedung des Landes, der Unterstützung der lauten Forderungen des Volkes und der Lossagung von der repressiven Regierung. In den verschiedenen Städten des Landes wurden verschiedene Hungerstreik-Gruppen organisiert. Die IEMB ihrerseits schloss sich am 16. Oktober dieser grossen Bewegung an, setzte verschiedene Hungerstreik-Gruppen in den Kirchen ein, wie z.B. in den Methodistischen Kirchen „La Reforma“ oder „El Mesías“, beide in La Paz, und in Cochabamba in der Kirche „El Salvador“.

Auch bei verschiedenen Protestmärschen waren Brüder und Schwestern, vor allem die Jungendlichen und jungen Erwachsenen unserer Kirche, ein aktiver Teil der Volksbewegung.

Die Volksbewegungen in den verschiedenen Teilen des Landes und die Ereignisse der letzten Tage haben ihre Ursache darin, dass die Regierung die sozialen Forderungen der Bauern seit zwei Jahren nicht erfüllt. Zugespitzt wurde die Situation durch Verkauf und Export von Gas nach Chile, durch die Polarisierung des Parlaments, durch die Unfähigkeit der Regierung, einen sozialen Vertrag und ein breites politisches Einverständnis zu erreichen und durch die Langsamkeit, mit der auf die Forderungen der arbeitenden Bevölkerung eingegangen wurde. Denn die Bevölkerung leidet unter einseitiger Besteuerung und dem neoliberalen Wirtschaftsmodell.

Nach diesem langen Kampf und dem Verlust von vielen Menschenleben wurde der Ruf des Volkes erhört. Mit dem Regierungsrücktritt von Sánchez de Lozada hoffen wir, dass unser geliebtes Bolivien zur Normalität zurückkehren wird. Wir hoffen auch auf die Unterstützung der neuen Regierung, welche von Lic. Carlos D. Mesa präsidiert wird.

Im Namen der IEMB sandte Bischof Carlos Intipampa am 18. Oktober eine Grussbotschaft an den neuen Präsidenten Mesa.

Wir bitten Gott, den Herr des Lebens und der Geschichte, dass er die Regierenden inspiriert und allen Parteien hilft, den Frieden im Land wieder herzustellen. Gleichzeitig bitten wir die gesamte Methodistische Familie, im Gebet zu bleiben und in diesen schwierigen Zeiten für unser geliebtes Bolivien zu bitten.


Quelle: Pfarrer Dr. Carlos Intipampa, Bischof der Methodistischen Kirche Boliviens / Übersetzung: Martina Läubli / EMKNI

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