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EMKNI - 22.04.2004   Zurück zur Übersicht

Schweiz: SEK setzte sich kritisch mit der eigenen Südafrika-Vergangenheit auseinander

Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) hat sich kritisch mit der eigenen Südafrika-Vergangenheit auseinandergesetzt und heute in Bern der Öffentlichkeit entsprechende Studien präsentiert. Der Rat des SEK äussert sein Bedauern und zieht aus den drei umfangreichen Arbeiten Konsequenzen für die Zukunft.

«Wir als Kirchen sind zu wenig eingestanden für die Menschen, die Opfer der Apartheid wurden, und für jene, die ihre Stimme gegen dieses Unrecht erhoben haben», sagte Thomas Wipf, Präsident des Rates des SEK, anlässlich einer Südafrikareise im Jahr 2001 und bestärkte die Absicht des SEK, sich der Vergangenheit zu stellen und die Geschichte aufzuarbeiten. Der Rat hat die Herausforderung angenommen, zwei Studien in Auftrag gegeben und diese zusammen mit einer unabhängigen Lizentiatsarbeit am 22. April vorgestellt.

- «Gute Dienste in Südafrika» – Die Südafrikapolitik des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes zwischen 1970 und 1990: Lizentiatsarbeit an der Forschungsstelle für schweizerische Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich, Dezember 2003, Lukas Zürcher

- «Salz der Erde oder Spiegel der Gesellschaft?» – Studie betreffend die Haltung des SEK im Kontext der ‹Bankengespräche› zum Thema Apartheid in den Jahren 1986 - 1989: Erstellt im Auftrag des SEK, Christoph Weber-Berg

- «Schweiz – Südafrika: Sozialethische Perspektiven»: Studien und Berichte 59 aus dem Institut für Sozialethik ISE des SEK, Hans-Balz Peter, Dorothea Loosli


Wipf sagte zu Beginn der Medienkonferenz in Bern: «Jede Generation hat die Aufgabe, die eigene Geschichte anzuschauen. Vorerst sind wir froh darüber, dass der Kirchenbund seine Aufgaben anpackt – indem er die Arbeiten in Auftrag gegeben und ermöglicht hat.» Die Studien und die Lizentiatsarbeit wurden von den Autoren selbst vorgestellt.

Reformierte Stärke als Stolperstein

Eine Stärke der reformierten Tradition liegt in der Betonung des einzelnen Menschen, seiner Verantwortung und seiner Freiheit gegenüber der Institution. Die Basisdemokratie und die föderalistischen Strukturen der reformierten Kirche wurden indessen in der Auseinandersetzung mit Südafrika und seiner Apartheidpolitik zum Stolperstein.

Das zeigt die Studie Weber-Berg zu den so genannten ‹Bankengesprächen› über das Verhältnis zwischen den Schweizer Banken und Südafrika, die zwischen einer ökumenischen Delegation und einer Abordnung von Bankenvertretern von 1986 bis 1989 geführt worden waren. Dass die Banken von den Schweizer Kirchen überhaupt an den Verhandlungstisch geführt wurden, wird heute noch von den Partnerkirchen in Südafrika hoch angerechnet und als signifikante Unterstützung wahrgenommen.

Die Resultate der Bankengespräche waren jedoch bescheiden, wie Weber-Berg zum Schluss kommt: «Die demokratische Struktur der schweizerischen Kirchenlandschaft hat kirchliche Meinungspluralität zur Folge und macht es für die Kirche als Institution schwierig, eine klare Haltung einzunehmen.» «Um gezielte Verhandlungen zu führen, braucht es eine klar festgelegte Verhandlungsposition. Um politischen Auswüchsen entgegen zu halten, braucht es einen profilierten Auftritt. Und beide sind nur begrenzt demokratiefähig», sagte Wipf.

Rat äussert Bedauern

In seiner umfassenden und kritischen Arbeit stellt Lukas Zürcher fest: «Durch das hartnäckige Festhalten an einem scheinbar neutralen Vermittlerstatus und am volkskirchlichen Anspruch, stets mit allen Seiten den Dialog zu führen, verbaute sich der SEK sowohl in Südafrika als auch in der Schweiz die Chance, an einem notwendigen Gesellschaftswandel mitzuwirken.»

An der Medienkonferenz bedauerte SEK-Ratspräsident Wipf gewisse Fehleinschätzungen. In der Auseinandersetzung mit dem Apartheidregime waren die Bankengespräche eine zentrale Angelegenheit für den SEK. Sie seien engagiert mit klaren Absichten und bestem Willen geführt worden, aber: «Das konkrete Verhandlungsmandat, die stufengerechte Vorbereitung der Gespräche mit den Banken und die Strategie haben teilweise gefehlt.»

Der Rat gab im Zusammenhang mit den drei Südafrika-Arbeiten seinem Bedauern Ausdruck. In der Rückschau stellt er fest, dass der SEK damals vor der Wahl zwischen zwei Wegen gestanden hat: dem Weg der Vermittlung zwischen unvereinbaren Positionen und Denkweisen und der eindeutigen Parteinahme für die Unterdrückten. Der Rat bedauert, dass der SEK zur Zeit der Apartheid zu einseitig auf den Weg der guten Dienste und der Versöhnung setzte und den Menschen, die Opfer der Apartheid wurden, und jenen, die in unseren Kirchen ihre Stimme gegen dieses Unrecht erhoben, zu wenig Gehör und Unterstützung schenkte (Stellungnahme des Rates integral, siehe bulletin 01/04, Seite 6).

In die Zukunft

Der Rat hat sich mit den drei Arbeiten intensiv auseinandergesetzt und zieht daraus die Konsequenzen. Gottfried W. Locher, Leiter Aussenbeziehungen des SEK, stellte an der Medienkonferenz Vorschläge für die zukünftige Gestaltung der internationalen Beziehungen sowie konkrete Projekte von HEKS in Südafrika vor. Der Rat will theologisch-ethische Leitlinien in der Aussenpolitik erarbeiten und setzt sich ein für eine verbindlichere Zusammenarbeit im schweizerischen Protestantismus, eine bessere Koordination mit den Hilfswerken und Missionen sowie eine Stärkung der Rolle im Reformierten Weltbund (RWB) (vergleiche auch bulletin 01/04, Fokus-Thema Südafrika).


Quelle: Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund (SEK)

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