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EMKNI - 12.08.2005   Zurück zur Übersicht

USA: Der methodistische Pfarrer, der im Zweiten Weltkrieg Briefe schrieb

Nächsten Montag, am 15. August 2005, jährt sich zum 60. Mal das Ende der Einsätze des Zweiten Weltkriegs – die Kampfhandlungen gegen Japan endeten am 15. August 1945 – und Robert E. L. Bearden Jr. erinnert sich an jene Tage, als er ein junger methodistischer Pfarrer in der Kleinstadt Walnut Ridge im US-Bundesstaat Arkansas war und etwas Besonderes tat, um die Last des Krieges zu mildern. „Ich würde sagen, in den fast 60 Jahren meines Pfarrdienstes waren diese Jahre die aufregensten, die ich hatte,“ erzählt Bearden, der heute 90 Jahre alt ist. „Man tat ein bisschen etwas in einer Situation voller Menschlichkeit und Tragödie.“

Weniger als zwei Monate nachdem die Japaner am 7. Dezember 1941 Pearl Harbor bombardiert hatten, kamen Pfarrer Bearden und seine Frau Ellen in der Kleinstadt Walnut Ridge an. Zu diesem Zeitpunkt war die amerikanische Luftwaffe mit 25'000 Männern völlig unterentwickelt im Vergleich zur deutschen Luftwaffe mit einer halben Million Männern und der japanischen Luftwaffe. Um dieses Ungleichgewicht zu beheben, wurden mehr als hundert Fliegerschulen in den Vereinigten Staaten aufgebaut und unterhalten. Die Fliegerschule von Walnut Ridge nahm am 20. Juni 1942 ihren Betrieb auf. Sie umfasste ein riesiges Gelände mit Startbahnen und Gebäuden, wo rund 5'000 Angehörige der Luftwaffe wohnten und arbeiteten. Dadurch verdoppelte sich die Einwohnerzahl von Walnut Ridge. Und plötzlich predigte Pfarrer Bearden am Sonntag vor einer Gemeinde mit vielen Menschen in Uniform. „Auf dem Höhepunkt hatten wir im Gottesdienst mehr Soldaten als Einwohner aus der Gegend,“ so Bearden

Pfarrer Bearden bot den Angehörigen der Fliegerschule einen besonderen Dienst an, nämlich einen Briefschreibe-Service. Im kirchlichen Gemeindeblatt machte er sein Angebot publik. „Es war ein Aufruf an die Angehörigen der Luftwaffe: ‚Wenn Sie mir den Namen und die Adresse Ihrer Eltern angeben, werde ich ihnen in der darauf folgenden Woche einen persönlichen Brief schreiben',“ erzählt Bearden. Die Soldaten nahmen sein Angebot an und schrieben ihm auch, nachdem sie schon in den Krieg geschickt worden waren. Pfarrer Bearden war sich nicht bewusst, zu was für einer schwierigen Aufgabe das Briefeschreiben wurde. „Es ging über all diese Jahre und so viele Antworten kamen und es war so viel Pathos, Schmerz und Sorge in diesen Briefen,“ erzählt er. Die Beziehungen, die sich über Papier und Bleistift entwickelten, wurden zu berührenden Erinnerungen, die er noch heute in den fast zerfledderten Briefen in den Händen hält. „Ich hatte so viele persönliche Beziehungen, die ein solcher Segen für mich waren.“ Zum Beispiel schrieb ihm eine Mutter aus Pennsylvania und dankte ihm für den Brief, den er ihr gesandt hatte, nachdem bekannt geworden war, dass ihr Sohn nach einem Kampfeinsatz vermisst wurde. Sie schrieb ihm dabei auch, dass gerade ein anderer Sohn von ihr auf Heimaturlaub angekommen war. Freude und Trauer lagen in diesen Tagen nahe beieinander.

Es gab viele Gebete, die die Sicherheit betrafen. „Es ist schwer, dieses Gefühl der Sorge zu übermitteln, das durch die Stadt ging. Natürlich war es überall.“ Gelegentlich kamen auch ungewöhnliche Bitten per Post. „So schrieben mir Mütter, die baten, ob Frauen unserer Gemeinde nicht Kuchen backen könnten und sie zu ihren Söhnen bringen könnten. Es wäre dann so, als wäre der Kuchen wirklich von ihrer Mutter.“ In einer Zeit, als viele Lebensmittel für das Backen rationiert waren, brauchte es besondere Anstrengungen, um diese Wünsche zu erfüllen, aber es wurde getan.

Die Gefahren, welche die Flugschüler ausgesetzt waren, waren unübersehbar. Flugzeuge stürzten in Felder ab oder krachten in Bäume von Gärten. Am Ende starben mehr als 40 Männer in der Fliegerschule von Walnut Ridge. „Es war ein Flugfeld für die Grundausbildung und es gab viele Tote,“ erinnert sich Bearden. „So viele junge Männer wurden in diesen Trainingsflugzeugen getötet, weil es das erste Flugzeug überhaupt war, das sie flogen.“ Er fühlte, dass die Männer einen Ort brauchten, um Abstand von all dem zu haben. Und er war entschlossen, das Beste zu tun, um etwas Frieden in dieser schwierigen Situation zu bringen. So öffnete die Kirche am Samstag nachmittag ihre Türen, um jeweils von 14.00 – 22.00 Uhr ein friedlicher Ort zu sein, wo man lesen, Briefe schreiben, spielen und Freunde treffen konnte. Junge Frauen der Kirchgemeinde betreuten während dieser Zeit diese Gemeinschaft.

Zurückblickend ist Pfarrer Bearden stolz auf Walnut Ridge, auf die Mitglieder der Kirchgemeinde und die Soldaten. Obwohl er später sehr erfolgreich als Pfarrer war, sticht für ihn diese Zeit hervor und er meint: „Es war wohl die einzige Zeit in meinem Leben, als ich wirklich etwas tat als wahres christliches Zeugnis mit einer echten Bedeutung.“


Quelle: EMKNI / UMNS

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