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EMKNI - 22.12.2005   Zurück zur Übersicht

Liberia: Von morgens bis abends die Bibel übersetzen

Humphrey C. Kumeh, Pfarrer der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) in Liberia, sitzt an seinem Schreibtisch und liest seit vielen Jahren jeden Tag die Bibel und zwar von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Wenn es nicht zu stark draussen regnet, widerspiegelt sich das Naturlicht in den Fenstern hinter seinem Schreibtisch. Das Naturlicht ist oft das einzige Licht, das er hat, denn durch den Bürgerkrieg in Liberia gibt es seit 1989 keine Elektrizität mehr. Zwar hat die Jährliche Konferenz der EMK von Liberia Generatoren, auch für das Büro von Pfarrer Kumeh, aber diese werden, um Geld zu sparen, nur gezielt in Betrieb genommen.

Pfarrer Kumeh übersetzt das Alte Testamend der Bibel in Kru/Klao und Sarpo, zwei in Liberia gesprochene Sprachen. Noch zwei Kapitel und er wird seine Arbeit beendet haben. Im Jahr 2000 konnte die Übersetzung des Neuen Testamens gefeiert werden. Die lutherische Bibelgesellschaft und andere Organisationen haben die Bibel in die anderen zehn Sprachen übersetzt, die in diesem Land gesprochen werden.

"Ich schreibe alles von Hand," sagt Pfarrer Kumeh und konsultiert für die Übersetzungsarbeit 25 verschiedene Bibelübersetzungen in englischer Sprache. „Bevor ich übersetze, lese ich jede dieser Ausgaben und ziehe auch noch die Bibel in hebräischer Sprache hinzu, um zu sehen, welche für die Übersetzung am nächsten kommt." Für Kumeh sind nicht alle Übersetzungen der Bibel in englischer Sprache leicht zu verstehen. Wichtig für diese Aufgabe sei, dass man die eigene Sprache gut kenne, bevor man ans Übersetzen geht, erzählt er. An einem guten Tag schafft er die Übersetzung von 15 Versen.

Pfarrer Kumeh ist Koordinator der Abteilung für Literatur und Übersetzung in der Jährlichen Konferenz der EMK. Der Übersetzungsprozess begann im Jahr 1989, ausgelöst durch Nancy Lightfood, eine Missionarin der EMK, die im Jahr 2001 bei einem Verkehrsunfall starb. Überliefert ist ein Zitat von ihr: „Die Gesichter der alten Frauen in einer klao sprechenden Gemeinde zu sehen, wie sie hören, wie das Wort Gottes in einer Sprache vorgelesen wird, die sie verstehen, ist eine Erfahrung, die man nicht vergessen würde.“

Pfarrer Kumeh teilt die gleiche Leidenschaft wie sie. „Wenn sie nicht wissen, was Gott von ihnen erwartet, dann hat Gott keinen Grund, sie dafür, was sie getan haben, verantwortlich zu machen. Sie müssen wissen, was Gott von uns erwartet. Wenn Sie sie nicht schulen, tragen Sie als Pfarrer eine Schuld.“ Es sind hauptsächlich Frauen, die in die Kirche kommen, erzählt er. „Aber leider sind diese Damen nicht gebildet. Die Leute, die dieses Projekt in Gang setzten, wussten, dass es nicht ausreicht, ihnen einen Vers zu sagen; sie mussten lesen lernen, damit sie die Bibel selber lesen konnten.“

Sobald Pfarrer Kumeh jeweils wieder einen gewissen Teil der Bibel übersetzt hat, kommt ein Übersetzungsexperte nach Liberia, um die Arbeit zu prüfen. Zusätzlich gibt es ein Übersetzungskomitee, bestehend aus fünf Personen, das diese Sprachen spricht. „Wir lesen ihnen unseren Entwurf vor,” sagt Pfarrer Kumeh. „Sie hören nicht nur auf die Bedeutung der Wörter, sondern auch, in welchem Kontext sie stehen. Es ist ein langer Prozess.“

Auf die Frage, warum er diese langwierige Arbeit gewählt habe, schaut Pfarrer Kumeh zuerst aus dem Fenster, bevor er mit einem Lächeln antwortet: „Wenn ich der grössten Gemeinde in Liberia zugeteilt wäre, könnte ich vor zwei- bis dreitausend Menschen predigen. Während ich hier sitze, predige ich nahezu vor einer Million Menschen.“


Quelle: EMKNI / United Methodist News Service

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