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EMKNI - 13.05.2005   Zurück zur Übersicht

USA: Pfarrer vergab dem Mörder seines Sohnes

Die folgende wahre Geschichte eines Pfarrers der Evangelisch-methodistschen Kirche (EMK) zeigt eindrücklich auf, was es heisst, zu vergeben.

Drei einfache Worte – „ich vergebe Dir“ – waren die schwierigsten, die Pfarrer Walt Everett je geschrieben hatte. Er schrieb jene Worte in einem Brief an den Mann, der seinen Sohn umgebracht hatte. Jetzt teilen die beiden eine schier unglaubliche Freundschaft. Everett, Pfarrer der EMK in Hartford im US-Bundesstaat Connecticut, ermutigt jetzt auch andere Verbrechensopfer, zu vergeben, während er zugleich auch daran arbeitet, die Todesstrafe abzuschaffen.

„Meine Wut war daran, mich zu zerstören,“ sagte Everett. „Sie hielt mich davon ab, Beziehungen mit anderen Leuten zu pflegen, wie ich sie sollte, und meine Arbeit zu tun, und ich fing an, mich zu fragen, ‚soll der Rest meines Lebens auch so verlaufen?’“

Everetts Glaubensreise fing am 26. Juli 1987 an, als sein Sohn Scott in seiner Wohnung erschossen wurde. Mit 24 Jahren war Scott das älteste seiner drei Kinder. Scott Everett wurde von einem Mann namens Mike Carlucci ermordet, der zugibt, dass er Drogenhändler und drogensüchtig war, jemand, der sich selber als „Störenfried der Nachbarschaft“ bezeichnete. „Mein Leben hat, seitdem ich ganz jung war, aus Drogen, Alkohol und Gewalt bestanden. Ich war derjenige, vor dem deine Mutter dich gewarnt hatte und keinesfalls mit nach Hause bringen sollte,“ so Carlucci.

Die Samen der Versöhnung wurden gepflanzt bei Carluccis Urteilsverkündung. Pfarrer Everett stand auf und beschrieb die Schmerzen, die er durch den Verlust seines Sohnes erlitten hatte. Carlucci sagte, dass es ihm leid täte. Ein paar Wochen später, ein Jahr nach dem Tod seines Sohnes, schrieb Pfarrer Everett einen dreiseitigen Brief und schickte ihn an Mike Carlucci im Gefängnis. Everett fing dabei an, das „extrem schwierige“ Jahr seit der Ermordung seines Sohnes zu beschreiben. Dann schrieb Everett: „Ich nehme Deine Bitte um Verzeihung an und - so schwierig diese Worte sind, zu schreiben - füge ich auch noch hinzu‚ ich vergebe Dir’.“

Carlucci erzählte, dass er immer noch mit seinen Drogen- und Alkoholproblemen kämpfte. „In der Nacht als ich Scott umbrachte, war ich schon ein paar Tage unterwegs gewesen und hatte in einer Bar getrunken. Dann ging ich nach Hause, um mich umzuziehen und um danach nach New York zu fahren, um die Party zu beenden,“ sagte er. „Ich erinnere mich daran, dass ich die Pistole gegen Scotts Kopf hielt und wusste, dass, wenn ich abdrückte, er sterben würde und ich für den Rest meines Lebens ins Gefängnis kommen würde. Es spielte keine Rolle. Ich drückte ab.“ Im Gefängnis, erzählte Carlucci, habe er eine Beratung aufgesucht und an Treffen teilgenommen, um zu versuchen, seine Sucht zu bewältigen. Er sagte, dass einer seiner Berater ihm empfohlen hatte, dass er um Vergebung beten solle. „Ich erinnere mich daran, dass ich Gott sagte: ‚Gott, bitte vergib mir für das, was ich getan habe.' Ich kann ehrlich sagen, dass von diesem Zeitpunkt an, mein Leben anfing, besser zu werden.“

Pfarrer Everett wäre nicht überrascht gewesen sein, wenn sein Brief der letzte Kontakt mit dem Mann gewesen wäre, der seinen Sohn umgebracht hatte. „Ich habe dies zunächst primär für mich selbst getan,“ erzählte er. „Was Gott dann für Mike tat, war ein Bonus.“ Denn Mike Carlucci antwortete ihm, und die beiden schrieben einander einige Monate lang Briefe. Dann geschah etwa Überraschendes für Pfarrer Everett. Carlucci bat ihn, ihm im Gefängnis zu besuchen. Zunächst war Everett etwas besorgt über das Treffen, das mit einem etwas belanglosen Gespräch über Carluccis Gewichtszunahme im Gefängnis begann. Dann ging das Gespräch aber zum Glauben und ihren Leben über. „Ich stand auf und fing an, Mike die Hand zu schütteln. Aber instinktiv hatte ich das Gefühl, das war nicht das Richtige und wir umarmten uns,“ sagte Everett. „Seine Beraterin sagte, ‚ich glaube, ich werde weinen.’ Aber Mike und ich waren schon dabei.“

Die nächsten zwei Jahre besuchte Everett Carlucci im Gefängnis mindestens einmal monatlich. Dann fragte Carlucci ihn, ob er seine frühzeitige Entlassung unterstützen würde. Everett stimmte zu und traf sich mit Mitgliedern des Ausschusses für die Gewährung einer bedingten Entlassung, die zustimmten, Carlucci nach fast drei Jahren hinter Gittern zu entlassen. Pfarrer Everett: „Ich sagte ihnen, dass ich glaube, dass er nicht mehr der selbe Mann ist, der damals ins Gefängnis ging, dass er wohl ein produktives Mitglied der Gesellschaft werden könnte, und dass Gott gewaltige Veränderungen in Mikes Leben durchgeführt hatte.“

„Gott hat mir immer wieder einen Anstoss gegeben, bis ich ihm vergeben konnte. Ich bin dankbar dafür. Diejenigen, die es nicht tun können, tun mir leid, weil sie mit den Schmerzen für den Rest ihrer Lebens leben müssen,“ so Pfarrer Everett.

Solche Treffen zwischen Gefangenen und ihren Opfern sind rar. Immer mehr Gefängnisverwaltungen fangen an, Opferversöhnung entweder zu studieren oder anzubieten, aber solche Programme stehen immer noch im Anfangsstadium.

Nach Carluccis Entlassung wurde Walt Everett der Traupfarrer an seiner Hochzeit. Aber die Tragödien im Leben von Carlucci waren nicht zu Ende. Seine Frau starb an eine Überdosis Drogen und er selber wurde zahlungsunfähig. Heute arbeitet Mike Carlucci als Aufseher bei einer Speditionsfirma. „Ich mag den Gedanken, dass Walt der Fahrer von Gottes Limousine war, der mich zu meinem Ziel hinbringen musste,“ sagte er.

Der 70jährige Everett hat vor, im Juni in Pension zu gehen und in den US-Bundesstaat Pennsylvania umzuziehen. Er schreibt an einem Buch über den Tod seines Sohnes und seine Beziehung zu Mike Carlucci. Pfarrer Everett ermutigt auch andere Verbrechensopfer, zu vergeben. Ausserdem ist er einer der Gründer der Gruppe "Murder Victims’ Families for Human Rights" (Familien von Mordopfern für Menschenrechte) mit Sitz in New York, die gegen die Todesstrafe ist.

Fast 18 Jahre nach dem Tod seines Sohnes führen Everett und Carlucci ihre Freundschaft fort, manchmal erzählen sie ihre Geschichte auch in Kirchen. „Ich betrachte Walt heute als meinen Freund,“ sagt Carlucci, „bedingungslose Liebe. Das ist die Beschreibung eines Freundes.“

Pfarrer Everett erzählt, dass er oft gefragt ist, wie er jemandem verzeihen könne, der seinen Sohn ermordet hat. „Wenn es etwas Kleines ist, sage ich: 'Du hast es zerbrochen, jetzt musst Du es in Ordnung bringen, dann sind wir quitt’,“ so Everett. „Aber wenn es etwas Grosses ist, das zerbrochen wurde, ist Vergebung das Einzige, was für eine Heilung bleibt."


Quelle: EMKNI / United Methodist News Service

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