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EMKNI - 19.09.2005   Zurück zur Übersicht

Schweiz: Die Personenfreizügigkeit und die EMK in der Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa

Am nächsten Wochenende wird in der Schweiz über die Erweiterung der Personenfreizügigkeit auf die zehn jüngsten EU-Mitgliedsstaaten per Abstimmung entschieden. Wir publizieren dazu untenstehend einen Text von Urs Schweizer, Bischofssekretär:

„Polen, die Tschechische Republik, die Slowakische Republik und Ungarn sind vier Länder, vor denen gegenwärtig viele Menschen in unserem Land Angst haben. Denn am 25. September 2005 werden die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger über eine Erweiterung der Personenfreizügigkeit auf die zehn jüngsten EU-Mitgliedstaaten abstimmen. Während eifrig darüber gestritten wird, was denn — je nach Abstimmungsresultat — an Schlechtem über die Schweiz hereinbrechen oder sich an Chancen eröffnen werden, scheint zumindest in der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) in der Schweiz ein Aspekt ein wenig verloren zu gehen: In den vier genannten neuen EU-Mitgliedstaaten gibt es nämlich ebenfalls Mitglieder und Freunde der EMK; ja, sie gehören sogar zur selben Zentralkonferenz und stehen unter der Leitung desselben Bischofs wie die EMK in der Schweiz! Dies bietet die gute Chance, im Rahmen der Meinungsbildung zur Abstimmung am 25. September 2005 auch Methodisten in diesen Ländern zu fragen, wie sie über diese Erweiterung der Personenfreizügigkeit denken.

Begrüssen die Superintendenten der EMK in Polen, der Tschechischen Republik, der Slowakischen Republik und in Ungarn diese Öffnung? Oder haben sie eher Befürchtungen, dass viele — vor allem junge Menschen — ihr Land verlassen und somit für den Bau an der Zukunft ihres Landes fehlen werden? Wäre eine solche Abwanderungsbewegung mit einer Zuwanderung von (jungen) Menschen aus noch ärmeren, östlicher gelegenen Ländern verbunden? Und letztlich auch: Hätte eine Erweiterung der Personenfreizügigkeit Auswirkungen auf die ganz konkrete Gemeindearbeit vor Ort?

Edward Puslecki (Polen), Josef Cervenak (Tschechische Republik), Pavel Prochazka (Slowakische Republik) und Istvan Csernak (Ungarn) befürworten eine Erweiterung der Personenfreizügigkeit auf die neuen EU-Mitgliedstaaten klar und einhellig — nicht primär aus wirtschaftlichen Gründen, sondern als Beitrag zu einem verstärkten internationalen Austausch und gegenseitigen Lernen. Und weil eine Ungleichbehandlung der alten und neuen EU-Mitgliedstaaten ganz einfach auch als ungerecht empfunden würde. Josef Cervenak ist aber unabhängig vom Ausgang der Volksabstimmung überzeugt: Wer heute unbedingt ins Ausland emigrieren will, findet auch eine Möglichkeit dazu. Und Istvan Csernak fügt an, dass sich der Prozess der Öffnung der Grenzen ohnehin nicht aufhalten lassen werde.

Er weist in diesem Zusammenhang aber auch auf einen wichtigen Sachverhalt hin: Migration in der Hoffnung, irgendwo im Westen höhere Löhne und ein besseres Leben zu finden, ist in Europa zwar ein aktuelles Thema, sie ist aber keine neue Erscheinung. Und diese Migrationsbewegung kann nur dann verlangsamt oder gar gestoppt werden, wenn die Volkswirtschaft in den Ländern Mittel- und Osteuropas nachhaltig gestärkt wird, und wenn in den Menschen dadurch eine berechtigte Hoffnung wächst, in ihrer Heimat eine sichere Zukunft zu haben.

Dass eine Öffnung der Grenzen Folgen haben wird, steht für die vier Superintendenten ausser Frage. Während Edward Puslecki eine Chance sieht, dass heute arbeitslose Landsleute eine Arbeit finden, was zu einer Entspannung in Bezug auf die gesellschaftlichen Lasten führen dürfte, äussert Istvan Csernak auch Befürchtungen, dass eine künftig noch verstärkte wirtschaftliche Migration negative Auswirkungen auf die Gesellschaft haben werde. Und seiner Ansicht nach wäre es unrealistisch zu glauben, dass hochqualifizierte Menschen, die ihre Heimat in Richtung Westen verlassen, im Rahmen einer umgekehrten West-Ost-Migration von ähnlich qualifizierten Menschen ersetzt würden.

Dass die Schweiz für viele (junge) migrationswillige Mittel- und Osteuropäer das Land der Träume wäre, wird von den vier Superintendenten allerdings in Abrede gestellt. England, Deutschland, Österreich, Skandinavien sowie USA und Kanada sind von weit grösserer Attraktivität.

Für die EMK-Gemeinden in diesen Ländern würde eine Erweiterung der Personenfreizügigkeit deshalb kaum negative Auswirkungen haben, denn nach übereinstimmender Einschätzung der vier Superintendenten wären es wohl nur einige wenige Mitglieder und Freunde der EMK, welche ihre Heimat auf der Suche nach einer besseren Zukunft verlassen würden. Auch vor einer ihrerseitigen Öffnung gegen Osten haben sie nur wenig Angst. Zwar ist zum Beispiel für Istvan Csernak nicht abzusehen, wie eine verstärkte Zuwanderung vor allem aus der Ukraine und aus Rumänien von der Gesellschaft in Ungarn aufgenommen werden wird und welches Konfliktpotenzial damit verbunden sein kann. Josef Cervenak und Pavel Prochazka andererseits weisen aber darauf hin, dass viele Menschen aus diesen Ländern bereits zugewandert sind — und dass es beispielsweise gerade in EMK-Gemeinden der Tschechischen Republik gute Erfahrungen in der Begegnung mit Menschen anderer Kulturen gegeben hat.

Wie auch immer die Schweiz entscheiden wird — die EMK in unserem Land tut gut daran, ihre bisher so eindrücklich gelebte Solidarität mit den Menschen in Ost- und Südosteuropa nicht aufzukünden. Noch einmal Istvan Csernak: «Ich persönlich begrüsse die Erweiterung der Personenfreizügigkeit auf die neuen EU-Mitgliedstaaten, aber die wirtschaftlichen Probleme in Ungarn werden dadurch nicht gelöst werden.»“


Quelle: Urs Schweizer, Bischofssekretär / EMKNI

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