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EMKNI - 21.08.2006   Zurück zur Übersicht

Naher Osten: Ökumenische Delegation berichtet über ihren Besuch in Beirut und Jerusalem

KEK-Präsident Jean-Arnold de Clermont an der Pressekonferenz zur Reise nach Jerusalem und Beirut (Bild: Peter Williams/WCC)"Warum diese schrecklichen Zerstörungen?" Wiederholt stellten Mitglieder einer ökumenischen pastoralen Delegation im Zusammenhang mit den israelischen Angriffen auf den Libanon diese Frage.

Die Delegation war vom Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK), der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK), dem Lutherischen Weltbund (LWB) und dem Reformierten Weltbund (RWB) mit dem Auftrag entsandt worden, den vom gegenwärtigen Nahost-Konflikt betroffenen Kirchen und Menschen die Solidarität der weltweiten Ökumene zu bekunden. Sie kehrte mit der Aufgabe zurück, der internationalen ökumenischen Familie die Hoffnungen und Erwartungen der Kirchen im Libanon, in Palästina und in Israel zu übermitteln.

Die drei Mitglieder der Delegation, KEK-Präsident Pfr. Jean-Arnold de Clermont, der römisch-katholische Erzbischof von Tours (Frankreich), Monsignore Bernard Aubertin, und die ÖRK-Programmreferentin für Antirassismusarbeit, Marilia Alves-Schüller, erstatteten Bericht über ihren Besuch in Beirut und Jerusalem vom 10. bis 15. August. In diesem Zusammenhang betonten die Delegationsmitglieder, die Vertreter/-innen der verschiedenen libanesischen Gemeinschaften, mit denen sie zusammengetroffen waren, seien sich darin einig gewesen, die Antwort auf diese Frage laute, dass die Zerstörungen absichtlich und geplant gewesen seien.

Die Verantwortungstragenden der Glaubensgemeinschaften hätten diese Analyse mit dem Hinweis auf ihre Besorgnis über den wachsenden Einfluss neokonservativer US-amerikanischer Kräfte auf die politische Führung Israels untermauert. Insbesondere hinterfragten sie die Aussage von Condoleezza Rice, der Außenministerin der USA, das Leiden des Libanons seien die Geburtswehen des neuen Nahen Ostens.

Die Delegation unterstrich die Aussagen der Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Glaubensgemeinschaften im Libanon über den äußerst hohen Wert der Multikulturalität und Multikonfessionalität ihrer Gesellschaft, die sie als Garantie für den Frieden ansähen. Weiterhin stellten die libanesischen Gesprächspartneinnen und -partner fest, die Angehörigen aller libanesischen Religionsgemeinschaften, Christen und Muslime, Sunniten wie Schiiten, stünden trotz des ungeheuren Spaltungspotenzials, das dieser Krieg in sich berge, solidarisch zusammen.

Die Delegationsmitglieder überbrachten als weitere Botschaft, dass es bei der gegenwärtigen Krise im Kern nicht um Rolle und Vorgehen der Hisbollah, sondern um den israelisch-palästinensischen Konflikt gehe. Auch berichtete die Delegation, alle Religionsvertreterinnen und -vertreter, mit denen sie gesprochen habe, verurteilten jegliche Anwendung wahlloser Gewalt egal von welcher Seite, einschließlich der Hisbollah.

Im Namen der vier in Genf angesiedelten entsendenden Organisationen begrüßte ÖRK-Generalsekretär Pfr. Dr. Samuel Kobia die Delegation im Ökumenischen Zentrum und bekräftigte: "Nur wenn die israelisch-palästinensische Problematik angegangen und eine umfassende und gerechte Beilegung dieses Konflikts herbeigeführt wird, können im Nahen Osten Frieden und Sicherheit geschaffen werden."

In Jerusalem sei die Delegation sowohl mit dem Oberrabbiner als auch mit dem obersten Richter des islamischen Gerichts zusammengetroffen, die unabhängig voneinander dieselbe negative Wahrnehmung gegenüber der jeweils anderen Gemeinschaft artikuliert hätten. Beide hätten erklärt: "Sie haben kein Mitleid mit ihren Kindern." Gegenüber der Delegation sei weiterhin die Ansicht laut geworden, im Nahen Osten scheine die Vorstellung einer andauernden Kriegführung das Denken zu bestimmen und es sei notwendig, das gesamte Denken in der Region zu demilitarisieren.

Die Wahrnehmung der jeweils "anderen Seite" gebe zwar wenig Hoffnung im Blick auf die Fähigkeit, miteinander an den Verhandlungstisch zurückzukehren und das wechselseitige Misstrauen und die Trauer zu überwinden, die Delegationsmitglieder hoben jedoch hervor, viele Kirchenvertreterinnen und –vertreter hätten ihnen gegenüber das Anliegen formuliert, Wege zu finden, wie Menschen den Hass aus ihren Herzen verbannen und als gute Nachbarn miteinander leben lernen können.

Als "greifbares und konkretes Zeugnis der Solidarität der ökumenischen Familie und als Möglichkeit, die Trauer der Menschen mitzutragen" sei der Besuch der ökumenischen Delegation ein Zeichen für die Absicht des Ökumenischen Rates, die ökumenische Antwort auf die Krise im Nahen Osten stärker zu koordinieren, sowie für intensivierte Anstrengungen in dieser Richtung, so Kobia.

"Die Lage im Nahen Osten verändert sich gegenwärtig", stellte Kobia fest. "Die neue politische, wirtschaftliche und ethisch-moralische Situation macht die Einbeziehung neuer Elemente in die Gleichung für einen gerechten Frieden im Nahen Osten erforderlich" Die neuen Programme, zu denen die ÖRK-Vollversammlung den Rat im Februar 2006 beauftragt habe, würden die Grundlage hierfür schaffen, so Kobia.

In einer am 16. August von den Generalsekretären des ÖRK der KEK, des LWB und des RWB unterzeichneten Botschaft, die bei einer Pressekonferenz der ökumenischen Delegation verteilt wurde, heißt es abschließend: "In den nächsten Wochen werden wir über all das, was wir gehört haben, im Geist des Gebets nachdenken und uns die drängende Frage stellen, welchen Beitrag die Kirchen leisten können, um der Sache des Friedens im Nahen Osten zu dienen."


Quelle: Ökumenischer Rat der Kirchen

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