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EMKNI - 13.01.2006   Zurück zur Übersicht

USA: „Lieber Martin...“

Jedes Jahr schreibt Bischof Woodie W. White von der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) einen "Geburtstagsbrief" an den verstorbenen Pfarrer Martin Luther King Jr. über die Fortschritte der Gleichberechtigung in den Vereinigten Staaten.

Bischof White ist im Ruhestand und an einer mit der EMK verbundenen theologischen Schule in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia tätig. Er war der erste Vorsitzende einer Kommission in der Kirche, die die Rassengleichheit in der EMK überwachte.

Der Geburtstag von Martin Luther King Jr. ist am 15. Januar und seit zwanzig Jahren ist der dritte Montag im Januar, in Anlehnung an seinen Geburtstag, in den Vereinigten Staaten ein nationaler Feiertag, der so genannte Martin Luther King Memorial Day.

EMKNI publiziert nachfolgend den diesjährigen Brief von Bischof White:

"Lieber Martin,

dieses Jahr fange ich dieses Schreiben mit grosser Betroffenheit an. Der kürzliche Tod von Frau Rosa Parks hat ein tiefes Gefühl von Kummer verursacht. Es ist erstaunlich, zu sehen, wie der Tod einer anderen Person Auswirkungen auf uns hat. Man kann nie wirklich vorhersagen, wie man auf den Tod reagieren wird. Man muss einfach abwarten.

Als ich erfuhr, dass Frau Parks gestorben war, war ich einen Moment wie betäubt. Geschockt, aber nicht überrascht. Sie war länger krank gewesen und immerhin 92 Jahre alt. Ein langes und gutes Leben. Aber als die Tage vorbei gingen, merkte ich, wie ich in ein Tal des Kummers fiel, das anscheinend keinen Abgrund hatte. Es war eine "stille und einsame" Trauer. Trotz meiner Bemühungen zur Selbstbeherrschung, kamen die Tränen völlig unerwartet. Martin, es hat weh getan.

Ich wurde von Erinnerungen überflutet. Es ist immer noch schwer zu glauben, dass es vor 50 Jahren, am 1. Dezember 1955, war, als Frau Parks – ruhig und hochgeschätzt, aber unbekannt ausserhalb ihrer Gemeinschaft in Montgomery, Alabama – in die Geschichtsbücher katapultiert wurde. Sie hatte sich geweigert, ihren Sitz in einem Bus an einen Weissen abzugeben, wie es die Gewohnheit und das Recht verlangten.

Ich studierte damals an einem kleinen methodistischen College im Süden und erfuhr selber aus erster Hand die bedrückende Natur von Rassismus und Bigotterie in der Region. Eigentlich waren sie mir nicht neu, denn trotz der Tatsache, dass ich in New York City geboren und erzogen wurde, verbrachte ich die Sommermonate in einem Grenzstaat mit meinen Grosseltern und Eltern. Es herrschte dort eine strikte Trennung wie in jedem Staat des tiefen Südens. Natürlich würde ich auch die Bedeutung von Rassismus im Norden kennen lernen.

Du hattest gerade dein pastorales Amt in der Dexter Avenue Baptist Kirche in Montgomery angetreten. Die schwarze Gemeinschaft, empört wegen der Behandlung und Festnahme von Frau Parks, wusste, dass etwas Dramatisch getan werden musste. Dann kamen E.D. Nixon, Aktivist und mutiger Führer der NAACP (Anm. der Redaktion: National Association for the Advancement of Colored People, eine Bürgerrechtsorganisation), und Ralph Abernathy zu dir und bat dich darum, eine neue Organisation, die Montgomery Improvement Association, zu leiten.

Der historische Montgomery-Boykott, der ein Jahr lang dauerte, veränderte nicht nur Montgomery, sondern auch die ganze Nation. Bis heute hat es nichts Vergleichbares gegeben.

Rosa Parks, jetzt wegen jener einfachen, aber gefährlichen Tat, liebevoll "Mother of the Civil Rights Movement" (Mutter der Bürgerrechtsbewegung) genannt, beschleunigte die Bewegung, um Jim Crow (Anm. der Redaktion: Stereotyp eines Schwarzen und Ausdruck für die Geschichte der Rassendiskriminierung) und die gesetzliche Rassentrennung dieser Nation zu beenden. Sie war und ist so vielen von uns so wichtig, die sich daran erinnern können, was es bedeutete, schwarzer Amerikaner im Jahr 1955 zu sein.

Martin, ich glaube, dass viele junge Leute, und vielleicht auch diejenigen, die nicht so jung sind, unsere Empörung und unser Angriff nicht verstanden hatten, als vor ein paar Jahren über die Tat von Rosa Parks Witze in einem populären Film gemacht wurden. Wir kannten die Bedeutung jener Tat, einem Weissen im tiefen Süden im Jahre 1955 nein zu sagen! Wir können uns an die tägliche Erniedrigung erinnern, die so viele Gemeinschaften erlitten, nur weil die Haut schwarz und nicht weiss war.

Es war ein anderes Amerika. Klar sind wir nicht dort, wo wir sein sollten in dieser Nation, die sich als Modell der Demokratie rühmt, aber wir sind auch nicht dort, wo wir in jenen Tagen von rauhen, hässlichen Vorurteilen, Hass und Rassentrennung waren. Du erinnerst Dich. Eine öffentliche Toilette nicht benützen oder von einem Brunnen in vielen Gemeinschaften nicht trinken zu dürfen. Kein Haus kaufen oder eine Wohnung anmieten zu dürfen, obwohl du die Mittel dazu hattest. In manchen Fällen Kleider vor dem Kauf in einem Kaufhaus nicht anprobieren und in manchen Orten nicht wählen zu dürfen.

Viele Eltern wussten, wie herzzerreissend es war, einem Kind sagen zu müssen, dass er oder sie nicht in den Park gehen oder auf dem Spielplatz spielen oder im städtischen Schwimmbecken schwimmen dürfe. Schwarze Amerikaner litten durch so viele Taten des Rassismus im Norden und im Süden. Martin, ich erinnere mich daran! Und es hat sich wegen der mutigen Aktionen derjenigen wie Rosa Parks geändert und wegen der Bemühungen von Schwarzen und Weissen, eine neue Landschaft amerikanisches Lebens zu erschaffen. Wegen Dir!

Nach ihrem Tod wurde Rosa Parks von dieser Nation geehrt, wie sie während ihres Leben nie geehrt wurde. Ihr Leichnam wurde im Rotunde des Capitols aufgebahrt, die erste Frau, die so geehrt wurde. Nationale Verantwortliche, einschliesslich dem Präsidenten, erwiesen dieser tapferen und bescheidenen Frau die letzte Ehre. Eine Statue von ihr wird in Auftrag gegeben und im Saal der Statuen im Capitol errichtet.

Obwohl diese Ehren, die Rosa Parks verliehen wurden, Grund zum Feiern sind, verspüre ich diese überwältigende Traurigkeit. Vielleicht ist es so, Martin, weil ich mit diesem Tod an andere denke. Diejenigen, die mein Leben berührt haben und sogar das amerikanische Leben verändert haben. Ich gedenke ihrer heute; ihre Gesichter und Stimmen sind klar und deutlich: Ella Baker, die mein Mentor war, als ich ein Verantwortlicher im NAACP Youth Council (Jugendrat) in New York war; Gloster Current, Channing H. Tobias und Anna Hedgemann, die mich ermutigt und unterstützt haben, als ich aufs College ging; Walter White, Lester Granger, James Farmer, A. Phillip Randolph, Fannie Lou Hammer, Whitney Young, Roy Wilkins. Und Dich.

Und so viele andere. Alle sind gegangen. Es ist eine grosse Trauer heute, Martin.

Dieses Jahr, Martin, an deinem Geburtstag, erinnere ich mich. Ich erinnere mich einfach. In Betroffenheit. In Dankbarkeit. In Hoffnung. Aber, weil ich mich erinnere, habe ich überhaupt keinen Zweifel, dass WE SHALL OVERCOME."

Woodie
Atlanta, Georgia
Januar 2006


Quelle: EMKNI / UMNS

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