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EMKNI - 25.04.2008   Zurück zur Übersicht

Schweiz: Am 1. Mai ist Auffahrt, aber nicht Hochzeit

Mit einem «offenen Brief an die Christinnen und Christen unseres Kantons» hatte der Gewerkschaftsbund des Kantons Solothurn (GbS) auf das Zusammenfallen von Auffahrt und 1. Mai reagiert. Darin verwies er auf «viele gemeinsame Anliegen» von Kirchen und Gewerkschaften und lud die Kirchenverantwortlichen ein, an diesem 1. Mai «Seite an Seite mit Gewerkschafter(inne)n unter dem Slogan <Sozialer Fortschritt - jetzt!> an die Öffentlichkeit zu treten». Ausserdem regte der GbS eine «gemeinsame Proklamation» zu Themen an, in denen er sich in Übereinstimmung mit den Kirchen sah.

Rund drei Wochen später lag die Antwort der Kirchenleitungen vor: in der Form eines Pressecommuniqués unter dem Titel «Der vom Himmel kommt», formuliert von Gudula Metzel, der Regionalverantwortlichen der Bistumsregion St. Verena (Bern, Solothurn, Jura) des Bistums Basel.

Inhaltlich ist es eine «höfliche Absage» an das Liebeswerben der Gewerkschaften. Zwar anerkennen die Kirchenvertreter durchaus die gemeinsamen Anliegen, so «die Verantwortung für eine gerechtere Verteilung der Güter», das Einstehen für die Benachteiligten und für menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Sie empfehlen den Seelsorgenden und Gläubigen, am Auffahrtstag diese Anliegen in den Gottesdiensten zu thematisieren, und sie fordern die Pfarreien und Kirchgemeinden zu Angeboten und Projekten der Diakonie (Dienst am Nächsten) auf.

Gleichzeitig erinnern die Unterzeichnenden daran, dass es «ohne Gott und ohne den, der vom Himmel gekommen ist, kein gerechtes Leben geben kann». Am Auffahrtstag wehe den Christen «eine Ahnung entgegen, dass es inmitten einer geschlossenen und von Schuld und Unrecht belasteten Welt noch etwas anderes gibt». Im Blick auf Jesus Christus «ahnen wir die Gefahr, dass eine Welt ohne Gott, den Urquell allen Lebens, immer auch eine Welt ohne die Rechte des Menschen bleiben könnte». Die «grosse Hoffnung, dass der Himmel nicht leer ist», sei es, die die Fragen nach gerecht verteilter Arbeit, nach einer gerechten Entlöhnung oder nach der Sicherung des Arbeitsplatzes aufwerfe.

Unterzeichnet ist das Communiqué von Verantwortlichen der drei Landeskirchen und der Methodisten: Für die Reformierten von Synodalratspräsidentin Verena Enzler (Lostorf) und Bezirkssynodepräsident Werner Sauser (Recherswil), für die Christkatholiken von Pfarrer Klaus Heinrich Neuhoff (Starrkirch), Vizepräsident des Synodalverbandes, für die Evangelisch-methodistische Kirche von Bischof Patrick Streiff (Zürich) und für die Römisch-Katholiken von Gudula Metzel (Biel).

Im Begleitschreiben an den GbS bittet Gudula Metzel um Verständnis, «dass es uns nicht möglich ist, die Gläubigen zu Kundgebungen aufzufordern». Eine gewisse Kritik am Mittel eines offenen Briefes wird deutlich in dem Satz: «Für eine gemeinsame Stellungnahme hätten wir eine andere Form der Kommunikation und auch Kooperation erwartet.» Auf Anfrage ergänzte Verena Enzler: «Wir möchten uns nicht instrumentalisieren lassen.»

GbS-Präsident Philipp Hadorn lässt sich nicht entmutigen: «Es freut uns sehr, dass die Stellungnahme die Werteüberschneidungen anerkennt» - wobei «ein bisschen mehr Mut» eine Chance gewesen wäre. Was die Teilnahme an 1.-Mai-Kundgebungen betrifft, hofft er auf die kirchliche Basis: «Von Einzelpersonen haben wir positive Signale erhalten.» Bei den Kirchenleitungen konstatiert Hadorn eine gewisse «Unbeholfenheit», zwischen der Gewerkschaftsbewegung und einer Partei zu unterscheiden.


Quelle: Oltner Tagblatt vom 11. April 2008

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